An uns denkt doch kein Mensch!

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An uns denkt doch kein Mensch!

Illustration: Adobe Stock / fran_kie

Vielen kleinen Kommunen fehlt das Geld für notwendige Investitionen. Der Frust steigt mit jedem Schlagloch, jedem Tropfen durch das undichte Schuldach. Abhilfe könnte ausgerechnet die umkämpfte Vermögensteuer schaffen. Da sind sich zwei Wissenschaftler der KU Eichstätt einig. Ein Interview über die »Politik der 1.000 Fördertöpfe« und Wege aus der Misere – und warum wir mehr investieren müssen, um die Demokratie zu schützen.

„An uns denkt doch kein Mensch“ – dieses sinnbildliche Zitat steht am Anfang Ihrer kürzlich veröffentlichten Nordhalbener Erklärung. Ist das eher gefühlte Wahrnehmung oder harte Realität in vielen ländlichen Kommunen?
Simon Dudek: Diese Aussage ist uns im Rahmen unserer Feldforschung immer wieder begegnet. Es drückt die Stimmung vieler Menschen aus, die in finanzschwachen, ländlichen Räumen leben. Es ist ein Gefühl des Vergessenwerdens. Es ist ein Stück weit Realität. Man hat das Gefühl, dass Politik oft für und in Großstädten gemacht wird.

Sie sprechen von einer strukturellen Unterfinanzierung. Was ist der größte systemische Fehler in der aktuellen Kommunalfinanzierung?
Andreas Kallert: Der Bias zwischen Aufgaben und Geldmitteln, die zur Verfügung gestellt sind. Die Kommunen übernehmen sehr viele Aufgaben, sie investieren sehr viel, sie haben viel Personal – sie werden dafür aber zu gering am Gesamtsteueraufkommen beteiligt. Sie bekommen zu wenig von den Gemeinschaftssteuern ab und sie haben sehr wenige eigene Möglichkeiten, Einnahmen zu erhöhen.

Dr. Simon Dudek und Dr. Andreas Kallert (re.) von der Arbeitsgruppe Wirtschaftsgeographie der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU).

In der Erklärung warnen Sie als Konsequenz daraus vor wachsendem Frust und politischer Radikalisierung. Wie direkt ist der Zusammenhang zwischen leeren Gemeindekassen und dem Zulauf zu extremen Parteien?
Dudek: Grundsätzlich gibt es keinen direkten Zusammenhang. Man kann nicht sagen, dass wegen der Finanzschwäche rechtsextreme Parteien gewählt werden. Wir sehen wohlhabende Kommunen, in denen überdurchschnittlich viele AfD wählen und gleichzeitig gibt es genauso struktur- oder finanzschwache Kommunen, wo unterdurchschnittlich rechtsextrem gewählt wird. Ein wichtiger Faktor ist: Wo sind die Menschen mit ihren Lebensverhältnissen, ihrer politischen Repräsentation zufrieden? Dort ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass rechts gewählt wird. Dort, wo es eine AfD schafft, Angst vor sozialem Abstieg, vor Überfremdung, vor Geflüchteten oder auch eine gewisse Elitenfeindlichkeit zu kultivieren – und dann auch noch wenig Gegenwind aus der Zivilgesellschaft erhält -, wird auch stärker AfD gewählt. Der Punkt ist aber: Wenn Menschen in ihrem unmittelbaren Umfeld immer nur mit dem Abbau von Leistungen konfrontiert sind, geht auch ein Vertrauen in etablierte Parteien langsam aber sicher verloren.

Kallert: Man kann dann verschiedene Politiken gegeneinander ausspielen. „Geflüchtete bekommen Leistungen, bei uns werden Leistungen gestrichen.“ Das ist natürlich das Metier, in dem die AfD sehr gut Unterstützung gewinnen kann.

Sie fordern mehr echten Gestaltungsspielraum für Kommunen. Wodurch erleben Gemeinden heute konkret Fremdsteuerung „von oben“?
Kallert: Dadurch, dass der Entscheidungsspielraum vor Ort sehr gering geworden ist. Vieles reduziert sich auf das Realisieren von Pflichtaufgaben, wobei ein Gemeinde- oder Stadtrat de facto sehr wenig entscheiden kann. Auch bei der Fördermittelpolitik wird die Fremdsteuerung konkret gespürt. Man schaut, welche Förderprogramme es gibt. Auf diese muss man sich bewerben. Das ist aber nicht unbedingt das, was man braucht. Diese Förderprogramme werden natürlich wieder eher in den Landeshauptstädten, in Berlin konzipiert und von dort auch verwaltet. Das alles verstärkt das Gefühl von einer Fremdsteuerung, von der eigenen Handlungsunfähigkeit. Auch bei Themen wie Ganztagesbetreuung oder einer besseren Integration von behinderten Menschen werden Kommunen nicht eingebunden und vor allem werden sie nicht ausfinanziert.

Was ist die Nordhalbener Erklärung?
Die Nordhalbener Erklärung ist ein gemeinsamer Appell aus Wissenschaft, Kommunalpolitik und Zivilgesellschaft, der bessere finanzielle und strukturelle Rahmenbedingungen für strukturschwache ländliche Kommunen fordert. Sie macht auf die chronische Unterfinanzierung vieler Gemeinden aufmerksam und verlangt von Landes- und Bundespolitik mehr kommunale Handlungsspielräume, eine auskömmliche Finanzierung sowie eine Entlastung bei wachsenden Aufgaben. Ziel ist es, gleichwertige Lebensverhältnisse zu fördern, den sozialen Zusammenhalt vor Ort zu stärken und damit auch das Vertrauen in Demokratie und kommunale Selbstverwaltung zu sichern. Die Erklärung entstand auf Initiative von Dr. Andreas Kallert und Dr. Simon Dudek. Nordhalben (Oberfranken) steht dabei beispielhaft für viele strukturschwache Dörfer und Kleinstädte.

Mehr: nordhalbener-erklaerung.de

Die Vermögensteuer wäre ein starkes Zeichen, wie der Bund auf dieses Problem reagieren kann

Die Politik der »tausend Fördertöpfe« bezeichnen Sie als Ausdruck fehlenden Vertrauens des Bundes in die Kommunen. Warum wäre eine bessere Grundfinanzierung aus Ihrer Sicht demokratisch sinnvoller als immer neue Fördertöpfe?
Kallert: Die Förderprogramme kosten gesamtgesellschaftlich gesehen extrem viel Geld. Die Kosten in der Verwaltung der Mittel, die Kosten auf kommunaler Seite … ganz viel Arbeit und auch Geld wird in erfolglose Fördermittelanträge gesteckt. Wir sprechen hier ja vielfach von Daseinsvorsorgeleistungen, also von elementaren Einrichtungen, die der Staat zu gewährleisten hat, die mittlerweile über Fördermittel finanziert werden – das geht in die falsche Richtung. Das Geld wäre viel besser investiert, indem man es den Kommunen direkt ausschüttet, vielleicht auch mit Leitplanken. Das heißt ja nicht, dass sich dann alle das Opernhaus hinstellen. Aber so könnten die Kommunen selbst entscheiden, was sie gerade am dringendsten brauchen und nicht dort investieren, wo es gerade am ehesten Fördergeld gibt.

Dudek: Ländliche Kommunen fühlen sich in diesen Förderprogrammen strukturell benachteiligt. Bedingt dadurch, dass man teilweise eine juristische Vorbildung braucht, um überhaupt mit einem Antrag zurechtzukommen. Städte haben dafür Juristen. In ländlichen Kommunalverwaltungen sitzen eher Generalisten als Spezialisten. Die schaffen es weniger, solche Anträge erfolgreich durchzubringen.

Für gewisse Fördertöpfe sind auch Eigenmittel nötig, um sich überhaupt qualifizieren zu können.
Dudek: Richtig. Das Matthäus-Prinzip: Wer hat, dem wird gegeben. Das ist auch ein Problem, mit dem gerade finanzschwache, kleine Kommunen zu kämpfen haben.

In der Erklärung listen Sie konkrete Lösungsansätze auf, um Kommunen zu stärken. Kommunen sollen etwa mehr von der Einkommen- und Umsatzsteuer und Erträgen aus erneuerbaren Energien abbekommen. Ist das nicht ein wenig das „Rechte Tasche, linke Tasche“-Spiel? Was die Kommunen mehr bekommen, fehlt den Ländern und dem Bund. Was wieder zu gleichen Problemen führt, nur auf anderer Ebene?
Kallert: Ja, das stimmt natürlich. Auch Bund und Länder kämpfen mit Defiziten. Es hat allerdings schon Vorteile, wenn der Bund sich verschuldet. Er ist einer der besten Gläubiger der Welt. Er hat ganz andere Konditionen, kann ganz anders verhandeln. Für kleine Kommunen ist es teurer, sich über Kredite zu finanzieren. Und während Bund und Länder Steuern erhöhen und auch teilweise neue einführen können, haben Kommunen kaum Möglichkeiten, ihre Einnahmensituation zu verbessern. Unter anderem wegen der Gebührendeckung. Es bleibt dann eigentlich nur die Grund- und Gewerbesteuer. Hier stehen Kommunen mitunter in Konkurrenz zueinander. Es entstehen Standortnachteile, die zulasten der Bewohner gehen. Kommunalpolitik wird nicht unbedingt attraktiver, wenn man den schwarzen Peter auf die unterste Ebene überträgt.
Bei den Erneuerbaren könnten Kommunen tatsächlich Mehreinnahmen generieren. Im Moment fließt da ganz viel an Investoren und Konzerne ab. Wenn eine Kommune selbst in Solar- oder Windkraft investiert, bekommt sie stetige, verlässliche Einnahmen zurück. Das ist gerade für ländliche, periphere Kommunen eine naheliegende Möglichkeit.

Im vergangenen Sommer wurde ein Sondervermögen beschlossen. Der Bund zahlt 100 Milliarden Euro an die Länder, u.a. zur Modernisierung der lokalen Infrastruktur, wobei ein Großteil an Städte und Gemeinden weitergegeben werden soll.
Kallert: Grundsätzlich ist das natürlich gut, aber die 100 Milliarden sind auf zwölf Jahre ausgelegt. Dann ist die Summe gar nicht mehr so groß. Man konnte sich auch nicht auf einen fixen Anteil, der von den Ländern an die Kommunen durchgereicht werden soll, einigen. Das macht jedes Land unterschiedlich. Teilweise werden auch wieder neue Förderprogramme aufgesetzt. Wir sprechen von round about 5 Milliarden, die bei den Kommunen pro Jahr hängenbleiben. Das Defizit 2024 lag bei 25 Milliarden. Und wir haben ein riesiges Investitionsdefizit von über 200 Milliarden. Sie werden keinen Kämmerer finden, der das Geld aus dem Sondervermögen nicht will, aber auch die wenigsten werden sagen: Das löst jetzt unsere Probleme.

Sie sind mit ihrer Nordhalbener Erklärung nicht die ersten, die einen Appell an die Bundes- und Landespolitik stellen. Im vergangenen Jahr gab es etwa einen Brandbrief der Bürgermeister zur Finanznot. Sehen Sie aktuell irgendwelche Bemühungen zu strukturellen Veränderungen?
Dudek: Wir haben in den letzten Jahren immer wieder Sondervermögen gesehen. Das Geld ist grundsätzlich da. Wir stehen also nicht vor der Frage, ob wir uns das leisten können, sondern ob wir das Geld mobilisieren wollen. Es ist eine politische Frage, ob man die Krise der Kommunalfinanzen angehen will. Wir hätten einen Hebel in der Vermögensteuer, die im Grundgesetz Artikel 106 vorgesehen ist, die bis 1997 galt und aktuell nur ausgesetzt ist. Das ist eine Steuer, die den Ländern, und damit mittelbar den Kommunen, zur Verfügung gestellt werden kann. Das wäre ein starkes Zeichen, wie der Bund auf dieses Problem reagieren kann.

Wenn im öffentlichen Diskurs das Wort Vermögensteuer fällt, geht es gleich hoch her.
Kallert: Ja, das sehen wir gerade auch bei der Erbschaftsteuer. Ich glaube, bei der Vermögensteuer will sich gerade gar niemand verbrennen. Aber es sind wichtige gesellschaftliche Debatten, die geführt werden müssen, denn allein über das Senken von Ausgaben wird es nicht funktionieren. Bei den anstehenden Aufgaben ist das illusorisch. Das Rumgehacke auf Bürgergeld wird wahrscheinlich noch deutlich weniger Geld bringen, als diese 5 Milliarden aus dem Sondervermögen. Wenn die Einnahmen nicht reichen, bleiben zwei Möglichkeiten: Kredite aufnehmen oder die Erhöhung der Einnahmen. Und bei den Einnahmen hat man in den letzten Jahrzehnten die staatlichen Kassen immer mehr limitiert. Neben der Vermögensteuer liegen hier weitere Möglichkeiten bei der Erbschaftsteuer und den Spitzensteuersätzen. Steuerhinterziehung wurde viel zu wenig verfolgt. Das sind alles Punkte, die würden wir eher in den Vordergrund rücken wollen. Die Vermögensungleichheit ist massiv gestiegen. Vermögende werden immer reicher. Das passt gesellschaftlich einfach nicht zusammen, wenn räumliche Disparitäten und immer mehr Armut zusammenkommen.

2026 stehen zahlreiche Kommunal- und Landtagswahlen an. Was erwarten Sie konkret von der Politik?
Dudek: Die kommunale Grundfinanzierung zu verbessern, steht über allem. Der Fördermittel-Dschungel muss konsequent angegangen werden – man erkennt, dass die Problemwahrnehmung da zunimmt. Das Konnexitätsprinzip wieder durchsetzen, also: Wer bestellt, der bezahlt.

Kallert: Und massiv investieren in eine Zukunftsfähigkeit. Infrastrukturen, Bildung, sozial-ökologische Erneuerung – das kostet extrem viel Geld, aber das Geld ist tatsächlich auch vorhanden, entweder über Kredite oder man geht es an, indem man Vermögensungleichheit ein bisschen reduziert.

Dann sind Sie vermutlich auch keine Fans der Schuldenbremse.
Kallert: Ich glaube, die Schuldenbremse hat einen Teil dazu beigetragen, dass zu wenig investiert wurde. Was öffentliche Investitionen angeht, steht Deutschland im internationalen Vergleich ganz schlecht da. Die Staatsquote ist lange Zeit zurückgegangen, die Investitionsquoten sind zurückgegangen, obwohl die Herausforderungen gestiegen sind. Das Thema „Sozial-ökologische Transformation“ war in den 90ern, Anfang der 2000er, ja noch nicht ganz so präsent. Das sind Fehler, die werden sich wahrscheinlich rächen.

Das zeigt vielleicht auch, wie akut die Sache ist

Gab es schon Rückmeldungen auf Ihre Erklärung? (Zum Interview wenige Tage alt)
Dudek: Was wir auf der Plattform nordhalbener-erklärung.de feststellen, ist, dass sehr viele Bürgerinnen und Bürger aus ländlichen Räumen dort unterzeichnet haben und die Kommentarfunktion nutzen.

Kritik wird es wahrscheinlich keine hageln.
Kallert: Wir haben noch keine mitbekommen, aber die Erklärung ist auch breit getragen. Sie ist überparteilich, wenn man so will. Würde man Bundespolitiker fragen, würden sie vielleicht nicht überall mitgehen, weil sie an gewisse Zwänge gebunden sind. Aber es haben auch CSUler unterschrieben, obwohl die Vermögensteuer mit drinsteht – und sie haben dabei nicht direkt Schnappatmung bekommen.

Das ist wirklich überraschend.
Kallert: Ja, das zeigt aber vielleicht auch, wie akut die Sache ist.

Herr Dudek, Herr Kallert, vielen Dank für das Interview.

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