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Eine kleine Rarität
„Das Haus verliert nix“, lautet ein alter Grundsatz. Besonders erfreulich ist das jetzt in diesem Fall: Der Neffe von Marieluise Fleißer hat einen sehr seltenen Buchumschlag zur Erstausgabe ihres Romans „Mehlreisende Frieda Geier“ aufgetrieben. Gestern wurde die Rarität ans Fleißer-Archiv übergeben.
Sie ist die bekannteste Schriftstellerin Ingolstadts – und stand lange mit ihrer Heimat auf Kriegsfuß. Wie keine Zweite seziert sie die Kleingeistigkeit der Schanz in ihren Romanen – was ihre Bücher wohl auf eine Art zeitlos macht. Ob es für Fleißer eine „Hass-Liebe“ war, wie auch heute noch einige Ingolstädterinnen und Ingolstädter ihr Verhältnis zur Stadt beschreiben?
Sicher ist nur das: Das Fleißer-Archiv darf einen weiteren Schatz zur Literatin sein eigen nennen. Gefunden hat ihn Klaus D. Gültig, er ist nicht nur der Neffe von Marieluise Fleißer, sondern auch ihr Nachlassverwalter.
Den Buchumschlag gestaltete Georg Salter (geboren 1897 in Bremen, verstorben 1967 in New York). Er brillierte in den 1920er Jahren als Designer mit seinen Buchumschlägen in Berlin, ehe er aufgrund seiner jüdischen Wurzeln 1934 in die USA emigrieren musste. Er arbeitete u.a. für den Kiepenheuer-Verlag, bei dem neben dem Roman „Mehlreisende Frieda Geier“ auch Fleißers Erzählband „Ein Pfund Orangen“ erschien.
Zum Schutzumschlag von Georg Salter für Marieluise Fleißers „Mehlreisende Frieda Geier“ hat Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Gustav Frank von der LMU München recherchiert. Demnach sei im Oktober 2021 ihr Roman – im Auktionskatalog explizit mit Schutzumschlag ausgewiesen – für 2.600 Euro versteigert worden.
Frank ordnet dazu ein: „Die Auktionspreise sind ein deutlicher Hinweis darauf, dass auch das ganze Buch in seiner medialen Gestalt ein Monument des Büchermachens um 1930, ja ein Kunstwerk darstellt. (…) [Salter] war es, der den ursprünglich tatsächlich zum Schutz des modernen Gebrauchsbuchs der 1920er Jahre gedachten Papierumschlag nicht nur zum multifunktionalen Werbeträger für Autor und Verlag, sondern zum einzigartigen Kunstgegenstand erhebt.“
Dass fast 100 Jahre nach Erscheinen des Romans überhaupt noch ein Buchumschlag existiert, ist für sich genommen schon eine kleine Sensation. Dazu muss man aber auch wissen: „Fleißers Buch taucht auf den ‚Listen des schädlichen und unerwünschten Schrifttums‘ der Nazis nach den Bücherverbrennungen seit
dem 10. Mai 1933 auf. Das hat seiner Verbreitung, seiner Aufbewahrung und Sammlung sicher geschadet“, so Frank. Umso erfreulicher, dass dieser Umschlag durch den Fund von Marieluise Fleißers Neffen (der übrigens auf die 90 zugeht und krankheitsbedingt nicht am Pressetermin teilnehmen konnte) nun im Archiv für die Ewigkeit bewahrt werden kann.
Der Münchener Literaturwissenschaftler Frank sieht in Fleißers Roman „Mehlreisende Frieda Geier“ einen „ganz spezifisch[en] Ingolstädter Meilenstein der modernen Stadt-Literatur“. So wie es James Joyce „Ulysses“ für Dublin sei. Das ist nach Frank „unstrittig“. Zu Georg Salter ergänzt er in seinen Recherchen über Fleißers Buch: „Vor seiner erzwungenen Emigration in die USA gestaltet Salter in Deutschland gut 300 Umschläge, danach bis 1967 für die renommiertesten Verlage und Autoren dort weitere gut 700 Umschläge. Alle sind heute bei Sammlern geschätzt und gesucht. Am bekanntesten ist sein Umschlag für Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz 1929.“
Der gefundene Buchumschlag zur Mehlreisenden wurde am 18. März im Fleißerhaus dem Fleißer-Archiv ausgehändigt.

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