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Nur ein Mann
Bis vor wenigen Monaten hatte Felix Brüste, eine Gebärmutter und Eierstöcke. Der 22-Jährige ist trans. Mit espresso spricht er über seinen Weg.
Felix, hört man Geschichten von trans Männern, schildern diese oft, sie wollten schon als Kind lieber Junge als Mädchen sein. Wie war das bei dir?
Schon in der Grundschule habe ich mich anders gefühlt. Ein Junge meinte damals, ich wäre mehr Junge als Mädchen – was mich sehr glücklich gemacht hat! Ich habe zwar nicht verstanden wieso, aber es war auf jeden Fall eines der besten Komplimente, das ich je bekommen habe (lacht). Ich war nie das typische Mädchen. Ich wollte immer aussehen wie ein Junge, sein wie ein Junge.
Bist du mit den typischen Erwartungen an ein Mädchen aufgewachsen?
Ja, das war schlimm. Ich bin sehr in der Mädchenrolle aufgewachsen. Ich musste Wäsche waschen und im Haushalt helfen – meine Brüder wiederum nicht. Haare schneiden durfte ich nicht. Jungsklamotten tragen auch nicht.
Wann hast du das erste Mal über Geschlechtsidentität nachgedacht?
Ich glaube mit zehn oder elf. Da dachte ich mir: Das passt nicht. Das Wort Transgender kennt man da natürlich noch nicht. Mit zwölf wusste ich dann, dass ich kein Mädchen bin. Da kam auch das Outing bei einer Freundin. Ich habe mich damit schon um einiges besser gefühlt. Es wenigstens einem erzählen zu können, war eine Erleichterung.
Bei meinen Brüdern habe ich eingeführt, dass sie mir 50 Cent zahlen müssen, wenn sie mich misgendern
Kannst du dich an den Tag des Coming-outs noch erinnern?
Ich hatte Angst davor, mich zu outen und habe es sehr lange versteckt. In der 5. Klasse habe ich es dieser Freundin erzählt – sie stand voll hinter mir. Sie hat mir angeboten, nach Klamotten zu schauen und die Haare zu schneiden. Ich habe mich das aber nie getraut. Bei meiner Mutter habe ich mich erst mit 17 geoutet. Bei Amazon habe ich Jungsklamotten bestellt. Auf Nachfrage habe ich ihr geantwortet: Ich bin ein Junge. Sie hat eigentlich relativ positiv reagiert, aber es gab natürlich trotzdem öfter Schwierigkeiten.
Wie hat dein Umfeld reagiert?
Die anderen haben es erst in der 10. Klasse erfahren. Ich habe mich vor der Klasse auf einen Tisch gesetzt und es ihnen erklärt. Sie waren stolz auf mich, dass ich mich traue, es ihnen zu sagen. Auch der Lehrer war sehr unterstützend. Ich habe es ihm im Voraus gesagt. Er fand das super von mir – und hatte es auch schon ein bisschen geahnt.
Wie sind deine Brüder damit umgegangen?
Bei meinen Brüdern habe ich eingeführt, dass sie mir 50 Cent zahlen müssen, wenn sie mich misgendern. Irgendwann hat’s dann auch funktioniert (lacht).
Zu merken, dass man trans ist und das für sich anzunehmen, ist sicher ein Prozess. Kannst du uns in deine damalige Gefühlswelt mitnehmen?
Es war hart und psychisch sehr anstrengend. Schon in der Grundschulzeit war es für mich schwierig. Ich war im Schwimmverein und habe es geliebt, aber irgendwann wollte ich es nicht mehr machen. Im Badeanzug habe ich mich nicht wohlgefühlt und in Badehose gehen konnte ich nicht. Ich habe damals natürlich nicht verstanden, wieso das so ist. Als ich es dann einigermaßen wusste, habe ich trotzdem versucht, mich anzupassen. Ich habe versucht, mich mit Schminke auseinanderzusetzen. Ich habe zum größten Teil versucht, mich wie ein Mädchen zu verhalten und mich so zu kleiden, aber die typischen Klamotten habe ich gehasst. In der Grundschule war es leichter, da war es egal, ob du Junge oder Mädchen bist. Ab der fünften Klasse war es anders. Entweder du bist ein Mädchen oder ein Junge. Bis zu meinem Outing war es schon ein bisschen schwierig.
Wie lange hat es gedauert, bis du deine Gefühle einordnen konntest?
Das ist ein bisschen schwierig einzuschätzen, es gab immer ein Hin und Her. Passe ich mich jetzt an oder lasse ich es zu?
Gab es mal einen bestimmten Tag, wo du dachtest: Ich bin Mann?
Ja, mehrmals. Das kam sehr oft vor.
Und dann hadert man wieder?
Genau, ja. Und eben diese Angst davor, wie Leute reagieren könnten. Ich habe versucht, es zu verdrängen und es zum größten Teil in mich reingefressen. Das hat meiner Psyche nicht ganz so gut getan. Kurz nach meinem Outing war ich dann sogar in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie, weil mir das alles zu viel wurde – auch wenn das Outing einigermaßen gut ankam. Ich war auch suizidgefährdet.
Wie geht es dir jetzt?
Um einiges besser. Klar gibt es immer noch Probleme, aber ich habe gelernt, damit umzugehen.
Was hat dir dabei geholfen, dich selbst besser zu verstehen?
Diese eine Freundin von früher, mit ihr habe ich viel darüber geredet. Auch der Klinikaufenthalt hat mir sehr geholfen. Die Klinik hat mir auch eine Therapeutin in Ingolstadt empfohlen, die auf Transgender spezialisiert ist. Bevor man mit der Hormontherapie beginnen darf, muss man psychisch stabil sein.
All das, was für andere Familien völlig normal ist, dass man geliebt wird, war für mich mit Angst verbunden.
Wann hast du entschieden, deine Transition zu beginnen?
Ich wusste schon von Anfang an, dass ich definitiv etwas anpassen muss. Ich habe mich in meinem Körper überhaupt nicht wohlgefühlt. Periode, Brüste … das war für mich der Horror. Vor drei Jahren habe ich mit der Hormontherapie angefangen. Zuvor war ich zwei Jahre in Therapie. Für Stefanie Beckmann (die oben erwähnte Psychotherapeutin, Anm. d. Red.) habe ich extra Audios aufgenommen, um die Veränderung meiner Stimme aufzunehmen. Das war auch echt ganz schön und cool, das mitzukriegen. Was mir Sorgen gemacht hat, war, dass ich nicht jede Operation haben wollte. Ich wollte nur die Brust-, Gebärmutter- und Eierstockentfernung. Den Penoidaufbau wollte ich nicht. Einerseits, weil es mir zu risikohaft ist und weil ich das einfach nicht wirklich brauche. Was ich wirklich brauchte, war die Brustentfernung und die Eierstockentfernung. Das war etwas, was mich gestresst hat, was ich wirklich gehasst habe. Bis man diese OPs kriegt, dauert es seine Zeit. Das Abwarten war auch eine Herausforderung für sich. Aber am Ende hat sich das natürlich gelohnt.
Warum hast du dich für den Namen Felix entschieden?
Ich hatte am Anfang einen ganz anderen Namen, weil ich den schon als Kind mochte, aber der passte überhaupt nicht. Ich habe meiner Therapeutin ein paar Namen gegeben und sie meinte: Felix. Du siehst aus wie ein Felix. Und seitdem heiß ich Felix. Als das Selbstbestimmungsgesetz kam, habe ich mich direkt für die Namensänderung angemeldet.
Was hat dir bei der Entscheidung zur Transition am meisten Angst gemacht?
Die Akzeptanz. Ich hatte Angst. Wie würden andere reagieren? Wie würden sie mit mir umgehen? Würden sie mich überhaupt noch mögen? Würde meine Familie mich akzeptieren? All das, was für andere Familien völlig normal ist, dass man geliebt wird, war für mich mit Angst verbunden. Dass das einfach endet und nicht mehr da ist. Ich hatte auch Angst davor, dass mich nie jemand lieben wird. Ich hatte panische Angst davor, dass ich keinen Partner finde, weil ich einfach anders bin. Ich habe mich deswegen ziemlich gesträubt, mich mit anderen Männern zu treffen. Was sich dann durch einen guten Freund gelöst hat, weil er sagte: Mach einfach! Wen juckt’s? Da draußen gibt’s Menschen, die genau dich mögen, weil du so bist, wie du bist. Das hat sehr geholfen und jetzt habe ich endlich einen Freund (kichert).
Was war der schönste oder befreiendste Moment auf deinem Weg?
Einerseits die Akzeptanz von meiner Familie, auch wenn es ein paar Schwierigkeiten gab. Dass meine Freunde völlig hinter mir standen – und auch die Lehrer. Und als ich endlich das erste Mal Testosteron-Gel auftragen durfte und die Krankenkasse bestätigte, dass sie die Kosten übernehmen würde. Da war ich schon um einiges erleichtert.
Welche Veränderung hat sich besonders wichtig angefühlt?
Die Stimme. Das war für mich am wichtigsten. Meine Stimme war sehr hoch und piepsig. Ich habe Telefonieren gehasst. Weil ich wusste, sobald jemand am Telefon mit mir spricht, und ich mich mit Felix vorstelle, hinterfragt er das. Ich war sehr froh, als der Stimmbruch losging.
Wahrscheinlich lässt nicht jeder trans Mensch auch die geschlechtsangleichende OP durchführen. Warum hast du dich dafür entschieden?
Duschen und baden habe ich gehasst, weil ich mich nicht sehen konnte. Vor dem Spiegel stehen war für mich schlimm. Ich habe das Haus nicht ohne Brustbinder verlassen. Man darf das Ding eigentlich nur rund acht Stunden am Tag tragen, weil es den Brustkorb verschieben oder Rippen brechen kann. Ab und zu habe ich das auch ein bisschen überzogen. Ich bin auch einmal damit eingeschlafen, ich hatte am nächsten Tag Rückenschmerzen des Todes (lacht). Ich war sehr froh, als ich ihn nicht mehr brauchte.
Wie hat sich dadurch dein Verhältnis zu deinem eigenen Körper verändert?
Ich fühle mich viel, viel wohler. Ich bin glücklicher. Auch meine Körperhaltung hat sich verändert. Ich hatte eine gekrümmte Haltung, um die Brüste zu verstecken. Manchmal erwische ich mich noch dabei, wie ich gekrümmt dastehe, obwohl ich das gar nicht mehr brauche.
Was sind deiner Meinung nach die größten Missverständnisse bezüglich trans Menschen?
Dass viele das nur für Aufmerksamkeit machen. Oder dass es nur eine Phase ist – was natürlich auch vorkommen kann, das ist aber auch völlig normal in der Pubertät, dass man eine Geschlechtskrise hat. Aber bei den meisten Leuten ist es einfach keine Phase, sondern die Wirklichkeit.
Gab es spezielle Hürden, die dir die Transition schwer gemacht haben?
Zum Glück nicht. Aber ich habe schon viele Geschichten gehört, dass die Krankenkasse die Anträge ablehnt. Meine Krankenkasse hat es direkt genehmigt. Ich war selbst die Hürde aufgrund meiner psychischen Instabilität. Zu akzeptieren, dass man erst stabil sein muss, um anfangen zu können, war eine große Hürde.
Ich habe Angst, dass mir einiges weggenommen wird. Ich weiß gar nicht, wie ich damit umgehen soll. Was ist, wenn sie mir meinen Namen wegnehmen? Oder wenn sie mir meine Hormone wegnehmen?
Von „Rechts“ nehmen verbale Angriffe auf queere Menschen zu. Wie nimmst du diese wahr?
Ich selbst wurde noch nie wirklich angegriffen, aber durch meinen Umkreis kriege ich das sehr häufig mit. Ich bin auch oft auf dem CSD und kriege ab und zu mit, dass wir bespuckt werden. Einmal haben Leute mit Glasflaschen nach uns geworfen. Mit der Wahl in Sachsen-Anhalt… wenn ich das sehe oder wenn ich die AfD höre, graust es mir. Ich habe richtig Panik. Ich habe Angst, dass mir einiges weggenommen wird. Ich weiß gar nicht, wie ich damit umgehen soll. Was ist, wenn sie mir meinen Namen wegnehmen? Oder wenn sie mir meine Hormone wegnehmen? Ich würde ja gar nicht mehr leben. Oder, dass sie mir sagen: Jetzt musst du wieder weibliche Hormone nehmen!
Was kann die Gesellschaft tun, um eine inklusivere Umgebung zu schaffen?
Ich finde, sie sollten alle nicht so negativ durch die Welt gehen. Ihr wisst nie, wer euch gegenübersteht. Nur weil jemand nicht so aussieht, als wäre er Teil dieser Community, heißt das nicht, dass die Person es nicht ist. Ich finde, man sollte viel offener damit umgehen und mehr Akzeptanz zeigen. Wir tun euch nichts, wir wollen einfach nur dieselben Rechte und uns in unserem eigenen Körper wohlfühlen.
Wir haben jetzt viel über Geschlechtsidentität gesprochen. Lassen wir das mal weg, wer bist du dann?
Ich bin ein sehr offener Mensch. Ich akzeptiere jeden so, wie er ist, solange er sich selbst und anderen nicht wehtut. Ich bin aber auch sehr zurückhaltend bei neuen Menschen. Ich versuche, so gut es geht, zu helfen. Und ich bin ein Tiermensch, hauptsächlich ein Hundemensch.
Was macht dich glücklich?
Hunde (lacht). Ich passe regelmäßig auf einen auf. Das klingt vielleicht dämlich, aber wenn’s mir schlecht ging, durfte ich diesen Hund zu mir holen. Allein seine Anwesenheit hat dafür gesorgt, dass es mir besser geht. Die Zeit mit meinem Freund macht mich glücklich. Oder Aktivitäten wie lesen und zeichnen, irgendwas Kreatives.
Was sind deine Interessen, Träume und Ziele?
Ich möchte irgendwann Hundepsychologe und Hundetrainer werden. Ich arbeite jetzt auch in einer Tierarztpraxis. Ich möchte irgendwann selbstständig auf eigenen Beinen stehen, aktuell wohne ich in einer therapeutischen Wohngruppe.
Das Interview lesen vielleicht andere junge trans Menschen. Was möchtest du ihnen mit auf den Weg geben?
Der Weg wird auf jeden Fall sehr schwer und anstrengend. Aber die Zeit ist es wert. Auch wenn es manchmal mit den Behörden oder mit der Krankenkasse oder auch mit eurer psychischen Gesundheit schwierig ist: Gebt nicht auf. Es dauert einfach. Und: Ihr seid okay, so wie ihr seid. Ihr seid nicht unnormal. Kämpft für eure Rechte.
Und welche Botschaft möchtest du allen anderen Menschen geben?
Nehmt jeden mit offenen Armen entgegen. Auch wenn er nicht so ist wie ihr. Es ist normal, dass jeder anders ist. Und dafür sollte man sich nicht schämen.

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