Vom Ruhestand in den OB-Wahlkampf

Interview mit UDI-OB-Kandidat Jürgen Köhler

Jürgen Köhler, geboren in Ingolstadt, aufgewachsen im Konradviertel, tritt für die UDI als Oberbürgermeister-Kandidat im Kommunalwahlkampf 2020 an. Im Interview mit espresso spricht er über die Causa Peter-Steuart-Haus, die Kammerspiele und über die Unterschiede zwischen OB Christian Lösel und Alt-OB Peter Schnell.

Herr Köhler, Sie sind zum 1. Januar aus dem städtischen Dienst und damit auch als Leiter des Kulturamts, der Sie seit 2012 waren, ausgeschieden.

Das war auch die Voraussetzung dafür, mich in das Wahlgetümmel stürzen zu können. Als Beamter der Stadt Ingolstadt tut man sich mit kritischen Äußerungen gegenüber der Stadtspitze natürlich etwas härter.

Wissen Sie schon, was Sie im Ruhestand mit der ganzen Freizeit anfangen werden?

Derzeit habe ich wegen des Wahlkampfes wenig Freizeit. Politisch war ich bisher wenig einbezogen und habe alles nur aus der Entfernung beobachtet. Jetzt bin ich als OB-Kandidat mittendrin und muss viele Termine wahrnehmen.

Und für die Zeit nach dem Wahlkampf?

Aufgrund meines beruflichen Werdegangs bin ich natürlich kulturell vorbelastet. Mein Interesse an Ausstellungen ist ungehindert hoch. Ich habe vor, mich wieder mehr im Freundeskreis des Georgischen Kammerorchesters zu engagieren. Ich bin auch noch im Förderkreis der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät und im Freundeskreis MKKD – also allgemein in vielen kulturellen Bereichen verwurzelt. Ich reise auch gerne, das wird dann hoffentlich auch wieder möglich sein.

Gibt’s ein Traumziel?

Wir waren in den vergangenen Jahren schon zweimal in Kenia auf Safari. Wenn man da mal reingeschnuppert hat, ist man fasziniert davon. Das steht also groß auf unserem Wunschzettel.

Sie sind 1990 als stv. Kulturreferent ins Kulturreferat gewechselt und haben 2012 die Leitung des Kulturamts übernommen. Wie blicken Sie auf Ihre “Kulturzeit” in Ingolstadt zurück?

Ich blicke sehr gerne auf diese Zeit zurück. Als es noch keine Veranstaltungs GmbH gab, haben wir die ganzen Veranstaltungen selbst organisiert. Der Kontakt mit den vielen internationalen und regionalen Künstlern war schon immer ein Erlebnis. Außerdem ist das Kulturamt für die Betreuung der Partnerstädte zuständig. Es ist immer wieder faszinierend mit Leuten aus ganz Europa, Russland und China zu sprechen. Das Aufgabengebiet war toll.

In der aktuellen Forsa-Umfrage sind 44% für den Bau der Kammerspiele auf der Theatertiefgarage, 46% dagegen? Wofür sind Sie?

Als Kulturamtsleiter a.D. bin ich natürlich sehr erpicht darauf, dass unser Theater fortbestehen kann. Mit dem Standort kann man zufrieden sein oder nicht. Wenn ein Wettbewerbsergebnis vorliegt, muss man sich daran halten. Ich bin schon gespannt, welche Gesamtkosten die Architekten für die Kammerspiele vorlegen werden. Ich bin für eine möglichst zügige Umsetzung, weil unser Theater vom technischen Standard einfach überholt ist. Man muss natürlich auch sagen, dass das Theater kein normales Wohnhaus ist. Hier gehen jährlich zwischen 100.000 und 150.000 Besucher ein und aus. Damit ist auch die Abnutzung stärker. Es wird Zeit, die Sanierung in Angriff zu nehmen, aber diese kann erst erfolgen, wenn es einen passenden Ausweichraum gibt. Wir schieben das Thema schon 10 Jahre vor uns her.

Woran liegt das?

Es liegt sicher daran, dass die Mehrheitspartei im Stadtrat das Thema Kultur nicht als Highlight des Stadtlebens sieht. Der Sparzwang stand daher immer an erster Stelle, die Sanierung wurde öfter geschoben. Allein für Planungen wurden schon zigtausende von Mark ausgegeben. Dieses Geld ist natürlich auch das Geld der Bürger, die Sanierung muss jetzt zeitig umgesetzt werden. Hätte man es vor 10 Jahren umgesetzt, hätte man sich einiges an Geld sparen können, weil mittlerweile natürlich auch die Preise gestiegen sind. Zugegebenermaßen dauern die Prozesse mit den Wettbewerben und Ausschreibungen eine gewisse Zeit. Die ganzen 10 Jahre sind also sicherlich kein Verschulden der Mehrheitspartei.

Haben Sie einen Favoriten unter den 3 Gewinner-Entwürfen des Architekten-Wettbewerbs?

Nein, habe ich nicht. Auf den Plänen haben mir alle drei sehr gut gefallen. Das Überdenken der Neugestaltung des nördlichen Donauufers ist dabei auch ein Thema der UDI. Wir müssen mehr Lebensraum an der Donau schaffen, das könnte man mit den Kammerspielen sicher umsetzen.

Von 1984 bis 1989 waren Sie die rechte Hand des damaligen Oberbürgermeisters Peter Schnell.

Ich war damals das “Mädchen für alles” für den Oberbürgermeister. Es war sehr lehrreich, hautnah mitzuerleben, wie Peter Schnell die Leute behandelt. Er hat jeden als Persönlichkeit betrachtet – ganz gleich ob man Ministerpräsident oder normaler Arbeiter war. Er hat alle mit Respekt behandelt und das ist auch für mich eine Vorgabe für meine Kandidatur. Bei Peter Schnell war es auch möglich – nicht nur für mich – kritisch zu hinterfragen. Man konnte seine Argumente anbringen und er hat im Gegenzug erklärt, warum er eine Gegenposition hat oder ein Thema wurde noch einmal auf Änderungsmöglichkeiten überprüft. Er war sehr offen für Diskussionen, was ich in den letzten Jahren leider vermisst habe.

Da haben Sie mir direkt meine Frage vorweggenommen, die gelautet hätte: Was unterscheidet Peter Schnell vom amtierenden OB?

Die letzten Jahre waren für mich insoweit belastend, als dass ich gespürt habe, dass die Verwaltungsspitze den Kontakt zu Mitarbeitern und Bürgern verloren hat. Da habe ich zu mir gesagt: Jetzt kommt die Wahl, du gehst in den Ruhestand, jetzt ist deine Chance dich zu engagieren, vielleicht bewegst du was. Zumindest stößt du vielleicht ein Umdenken an. Mal schauen, ob das gelingt. Aus der aktiven Politik habe ich mich zuvor immer herausgehalten, auch als Peter Schnell sagte, ich solle zur CSU gehen. Ich wollte keiner politischen Partei angehören und frei in meinen Kommentaren und Entscheidungen sein.

Die UDI gab’s zur Kommunalwahl 2014 noch gar nicht. Sie hat sich 2017 gebildet. Konnte sich die UDI in den letzten 3 Jahren ein Profil erarbeiten, um eine Chance im jetzigen Wahlkampf zu haben?

Letztendlich ist eine Kommunalwahl natürlich auch eine Wahl von Persönlichkeiten, die auf der Liste stehen. Mit Sepp Mißlbeck, Gerd Werding und Simone Vosswinkel haben wir sicher 3 sehr bekannte Persönlichkeiten, die teilweise auch ganz andere Meinungen vertreten. Daher auch die “Unabhängigkeit” in unserem Namen. Außerdem haben sie verschiedene Spezialgebiete. Es war für mich ein wichtiges Kriterium, dass nicht eine sture Linie vertreten wird, sondern jedes Mitglied der Wählergemeinschaft die Möglichkeit hat seine Meinung vorzubringen und die Wählergemeinschaft das anschließend zu diskutieren hat. Teilweise war es im Stadtrat auch so, dass die einzelnen UDI-Vertreter unterschiedlich abgestimmt haben. Warum nicht? Wichtig ist aber, dass man die getroffene Entscheidung gemeinschaftlich vertritt.

Trotz unterschiedlicher Meinungen gibt es aber wohl auch in der UDI einen gemeinschaftlichen Grundkonsens.

Ja, Grundkonsens ist die Rückkehr zur Bürgernähe. Ein weiteres Thema, das uns sehr am Herzen liegt, ist wieder miteinander zu reden. Der Sozialausschuss ist ja derzeit in allen Medien. Peter Schnell hat immer versucht zu vermitteln und eine Entscheidung herbeizuführen, die von einer breiten Basis getragen wurde und nicht durchgeboxt wurde.

Wie bewerten Sie die neueste Entwicklung in der Angelegenheit um das Peter-Steuart-Haus?

Ich konnte schon die erste Entscheidung nicht nachvollziehen, dass Bürgermeister Mißlbeck hier einfach abgesetzt wurde. Der Druck wurde groß, weil die überregionalen Aufsichtsorgane eingeschaltet wurden. Wahrscheinlich wollte man die Angelegenheit jetzt möglichst schnell über die Bühne ziehen, um nicht noch näher an den Wahltermin heranzurücken. Ich denke, es wäre darauf hinausgelaufen, dass es nicht rechtens war. Ich kann aber nicht beurteilen, ob die Mehrheitspartei Druck auf Rechtsreferent Müller ausgeübt hat und er den Antrag daher zurückgezogen hat. Da möchte ich Herrn Müller nichts nachsagen. Ich hoffe,er hat so entschieden, wie es seine eigene Einstellung gewesen ist.

Nochmal zurück zur Forsa-Umfrage. Die UDI hat 2% bekommen, Sie als OB-Kandidat nur 1%. Sind Sie enttäuscht vom Ergebnis?

Die Umfrage lief zu einer Zeit, in der wir noch keine offizielle Zulassung zur Wahl hatten und auch noch nicht so intensiv in den Medien waren. Wir sind zwar nicht zufrieden – kann man bei so einem Ergebnis auch nicht sein – aber für den damaligen Zeitpunkt ist es vertretbar. Wir haben derzeit 4 Sitze im Stadtrat, das ist auch wieder unser Ziel. Es dauert natürlich auch, bis man sich als UDI-Kandidat einen Namen gemacht hat. Viele verbinden mich mit der UDI noch gar nicht. Daher kann ich den “kleinen Start” mit 1 Prozent nachvollziehen.

Gehen wir mal vom Worst-Case aus: die UDI zieht nicht mehr in den Stadtrat ein. Würde sich die Wählergemeinschaft dann auflösen?

Das kann ich mir wirklich nicht vorstellen, dazu sind die Kandidaten auf unserer Liste einfach zu bekannt. Wenn dieser Worst-worst-worst-Case eintritt, bin ich überzeugt, dass wir trotzdem fortbestehen werden und uns rechtzeitig für die nächste Wahl in 6 Jahren bemerkbar machen werden.

Was gefällt Ihnen persönlich am besten in Ingolstadt?

Unsere historische Altstadt ist sehenswert. Ich habe viele Leute aus unseren Partnerstädten durch die Stadt geführt, die immer von unseren historischen Gebäuden fasziniert waren. Was mir persönlich besonders wichtig ist, dass wir im kulturellen Bereich ein tolles Theater haben und uns mit dem Georgischen Kammerorchester auch auf internationaler Bühne sehen lassen können. Nicht zu vergessen die vielen kleineren kulturellen Organisationen, die viele abwechslungsreiche Programme anbieten. Ich freue mich auf die hoffentlich baldige Eröffnung des MKKD, weil dann nochmal ein kulturelles Highlight nach Ingolstadt kommt, da das Gebäude die Möglichkeit bietet, internationale Künstler in einem schönen Rahmen auszustellen.

Und was finden Sie am schlechtesten?

Wir jammern immer auf einem hohen Niveau. Was aber sicher ein Problem ist, ist die Verkehrsbelastung. Der ÖPNV wurde in den letzten Jahren immer etwas stiefmütterlich behandelt. Die UDI und auch andere Parteien haben dazu Anträge gestellt, die aber immer von der Mehrheit abgelehnt wurde. Erst Ende des Jahres hat es einen eigenen Vorstoß der Mehrheitsfraktion gegeben, mit dem dann 10 Millionen Euro für den ÖPNV zur Verfügung gestellt wird. Das kann aber nur ein erster Schritt sein – auch im Sinne des Klima- und Umweltschutzes. Dabei spielt auch die Verkehrsplanung für Fahrradfahrer eine Rolle.

Was wäre Ihre erste Tat als Oberbürgermeister?

Meine erste Tat wäre sicher, mich mit allen anderen Vertretern der Parteien und Wählergemeinschaften zusammenzusetzen, um hier wieder einen Konsens in den Stadtrat zu bringen und ihnen zu sagen, dass ich gerne zur Zusammenarbeit bereit wäre. Es wäre mir auch wichtig, ein Ohr für die Bürger zu haben, um das dringendste Problem zu finden. Ist es der Verkehr oder gibt es noch ganz andere Dinge, die wir im Moment noch nicht sehen. Das sollten wir dann zügig angehen. Ein wichtiges Thema sind zum Beispiel die Schulen. Es gibt einiges zu tun, was auch schnell umgesetzt werden kann.

Was wäre denn schnell umsetzbar?

Schnell umsetzbar wäre sicher die Sanierung der Toilettenanlagen in den Schulen. Da gibt es viele Beschwerden. Beim Thema der Radwegenetze kann man denke ich auch mit einfachen Mitteln und nicht allzu hohen finanziellen Mitteln einiges umsetzen, um den Radfahrern die Möglichkeit zu geben sicher durch die Stadt zu kommen.

Gibt es noch wichtige „Baustellen“ in Ingolstadt?

Das Rieter-Gelände. Der neue Eigentümer scheint ein offenes Ohr dafür zu haben, dass hier bezahlbarer Wohnraum entsteht. Für junge Leute soll hier zudem ein Trendsportzentrum entstehen. Ich würde es sehr begrüßen, wenn wir diese Pläne umsetzen. Außerdem sollten wir ein Jugendparlament ins Leben rufen.

Herr Köhler, wir bedanken uns für das Gespräch. 

Kurzgefasst: OB-Kandidat Jürgen Köhler (UDI)

Politiker reden viel – und gerne. Ob das auch kürzer geht? Jeder Ingolstädter OB-Kandidat durfte in einem selbstgedrehten „Wahlwerbespot“ folgende Frage für espresso beantworten: Warum sollte man Sie wählen? Einzige Vorgabe: Das Video darf nicht länger als 60 Sekunden dauern. Fast auf den Punkt schafft es Jürgen Köhler von der UDI: 1:01 Minuten! Ob das ein versteckter Hinweis darauf ist, als Oberbürgermeister immer 101 Prozent geben zu wollen?
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