Mehr als eine Zahl

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Mehr als eine Zahl

Fotos: Eurorelief

Journalisten haben im Camp Mavrovouni auf der griechischen Insel Lesbos keinen Zugang. Dank dreier Studierender der KU Eichstätt, die für die NGO Eurorelief im Hilfseinsatz waren, können wir in unserer August-Ausgabe dennoch ein paar Einblicke liefern. Ein Gespräch mit Finja, Fynn und Mimi über eine Welt zwischen Hoffnung und Leid, in der deutlich wird, was übrigbleibt, wenn der Mensch nur noch sich selbst hat: Solidarität.

Kommentar

Ein Blick in das Flüchtlingscamp Mavrovouni. Wollen Sie wissen, was ich bei der Bildauswahl gedacht habe? »Soll ich hier überhaupt Kinder zeigen?« Flüchtende, das hat sich ein großer Teil der deutschen Gesellschaft irgendwann einmal eingeredet, sind Männer, die den Sozialstaat ausnutzen wollen. Dieses Bild will man erhalten. Es schützt. Einfacher ist es dann, Hilfe zu verweigern, Menschenrechtsverletzungen mit einem Schulterzucken zu quittieren und Dobrindts Rechtsbruch an deutschen Grenzen zu ignorieren. Bilder von Kindern stören da nur. Lieber reduzieren wir Schicksale auf nackte Zahlen. „Die Zahl der Asylanträge sinkt deutlich“, steht dann zum Beispiel in den Überschriften. Und wir sind froh darum. Mit dem Leid müssen wir uns so nicht auseinandersetzen.

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„Kinderträume sind die stärkste Waffe der Welt“, sagt Finja. Trotz aller schrecklichen Erlebnisse, der Strapazen beim Durchqueren von Kontinenten und dem Tod als ständigen Begleiter: „Man kriegt Kinder einfach nicht unter. Sie erzählen, was sie später einmal werden wollen. Die neuen Präsidenten in ihren Heimatländern, um dort alles schön zu machen. Ärzte, damit sie endlich mal helfen können. Polizisten, weil sie wollen, dass es auch gute davon gibt.“

Die Flucht selbst ist ein einziger Albtraum. Aggressive Polizisten, die schlagen, spucken und in Schlauchboote stechen. Kinder, die zuschauen müssen, wie ihre Eltern erschossen werden. Menschen, die lebendig begraben werden, wenn sie auf den Gewaltmärschen nicht mehr mithalten können. Vergewaltigungen. Während Kinder hierzulande Räuber und Gendarm spielen, stellen sie im Flüchtlingscamp Exekutionen nach. All das für uns kaum vorstellbar, im Camp sind es Erzählungen, mit denen Finja konfrontiert wird. Dreimal war sie bereits im Camp Mavrovouni ehrenamtlich tätig, beim ersten Mal für ein ganzes Jahr.

„Die Kinder bekamen Panik und warfen Steine auf uns, als sie uns mit unseren roten Westen gesehen haben. Als wir näherkamen, rannten sie kreischend davon“, erinnert sich Finja. Rote Westen kennen die Kinder von türkischen Polizisten. „Es ist wichtig, darüber zu sprechen, dass diese Menschen nicht nur unser Geld wollen. Es hat schon Gründe, warum sie fliehen. Das klang für mich nie nach: Ich hätte gern mehr Geld“, sagt Finja. Mimi war sechs Wochen im Camp, den Großteil in der Woman’s Community, einer Art Safe Space für Frauen. Sie berichtet von einer afghanischen Frau, die froh ist, ihrem Kind nun wieder Kleider anziehen zu können. In ihrem Heimatland tarnte sie ihre Tochter als Jungen, um ihr mehr Freiheiten zu ermöglichen. Auch Mimi hört im Camp Erzählungen von „Polizisten“, die auf Kinder eingetreten haben sollen. Sie vermutet Frontex dahinter. Die EU-Behörde steht häufig in der Kritik. Immer wieder wird ihr vorgeworfen, an Menschenrechtsverletzungen beteiligt zu sein, v. a. an sogenannten Pushbacks.

Mal sind es einige tausend, mal nur wenige hundert Bewohner:innen im Camp Mavrovouni. Aktuell ist es eher ruhig. Im Juli veröffentlichte arte einen kurzen Bericht über das Camp. Den Journalisten verwehrte man den Zugang. Betreiber des Camps ist das griechische Ministerium für Migration und Asyl. Dennoch liefert der arte-Bericht einen Einblick. Ratten, Kakerlaken, nicht genug Wasser. So die Erzählungen einer Bewohnerin des Camps. Finja kann das bestätigen. „Wenn wir im Frühjahr die Heizungen eingesammelt haben, war es jedes Mal gruselig, wie viele Insekten da rausgekrabelt sind.“ Die Zustände seien grausam, aber dennoch: „Das Schöne ist, was für eine Solidarität und Miteinander zwischen den Leuten entsteht. Man hat oft nur dieses sehr düstere Bild von Flüchtlingslagern. Es ist auch düster, aber die Menschen bringen wirklich eine krasse Wärme rein.“

Solidarität. Es ist wohl das, was den Menschen noch zum Menschen macht, wenn die eigene Welt plötzlich ganz klein wird. Geschichten haben Finja, Fynn und Mimi viele. Etwa die einer erschöpften schwangeren Mutter mit drei Kindern, die die Gelegenheit nutzen wollte, warm zu duschen und ihre Kinder zu waschen. Doch eines der Kinder hörte einfach nicht auf zu weinen. Eine andere Mutter, ebenfalls schwanger, nahm das Kind zu sich und gab ihm ihre ganze Packung Cracker – obwohl Essen eigentlich Mangelware ist. Das Kind wurde ruhig, vermutlich hatte es einfach Hunger. Sie kümmerte sich liebevoll um das Kind, spielte mit ihm und versorgte es, sodass die andere Mutter in Ruhe duschen und ihre Kinder waschen konnte. Oder die Geschichte eines Literaturwissenschaftlers aus Kabul, der auf seinem Zelt in allen möglichen Sprachen seinen Dienst als Übersetzer anbot. „Egal, wo wir waren, er war immer mit irgendjemandem unterwegs und hat für das ganze Camp übersetzt. Auch er hatte Kinder, um die er sich kümmern musste. Das hat mich am meisten überrascht, weil ich so eine Solidarität wie dort nie erlebt habe“, sagt Finja.

Im Hintergrund brennt das Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos (2020). Als Folge wurde das Camp Mavrovouni errichtet.

„Es ist faszinierend, wie stark und resilient die Leute im Camp sind. Obwohl sie unvorstellbare Dinge erlebt haben. Sie sind trotzdem fähig, Freude zu empfinden, zu lachen – ein wirklich ehrliches Lachen“, ergänzt Mimi. Und Fynn: „Ich hatte im Camp einmal selbst nicht den besten Tag. Ein Resident kam und fragte, ob er mich unterstützen könne. Das war crazy.“ Fynns Blick auf die Welt hat sich nach dem Aufenthalt im Camp verändert: „Die Resilienz ist inspirierend. Es wäre so verständlich, wenn bei den Menschen krass viel Welthass aufkommen würde. Aber diese bedingungslose Solidarität im Camp war sehr bewegend. Das hat mir überraschenderweise wieder ein relativ starkes Grundvertrauen geschenkt. Politisch war es natürlich extrem ernüchternd.“ Aber „ein grundlegender Glaube an die Menschlichkeit“ sei zurückgekehrt.

Die drei Studierenden der KU Eichstätt waren für die christliche NGO Eurorelief im Einsatz. „Alles läuft auf Freiwilligenbasis ab“, erklärt Mimi. „Die Freiwilligen übernehmen ihre eigenen Kosten. Es ist schön zu sehen, was möglich ist, wenn motivierte, engagierte Menschen zusammenkommen und Verantwortung übernehmen wollen.“ NGOs sehen sich in Deutschland immer häufiger verbalen Angriffen ausgesetzt, oft von der AfD und ihrem Umfeld.

Viele der Bewohner:innen des Camps kommen aus Ländern wie Afghanistan, Sudan, Somalia, Jemen, Palästina oder Kurdistan. Wie funktioniert da die Verständigung? „Manche Residents können Englisch und übersetzen. Auch Übersetzerapps werden genutzt“, erklärt Mimi. Ansonsten gehe viel über Mimik und Gestik. Tiefere Gespräche entstünden v. a. in der Woman’s Community.

Das Camp Mavrovouni wurde nach dem Brand im Camp Moria (September 2020) zunächst provisorisch errichtet. Es ist ein Ort des Übergangs und der Unsicherheit. Ein Ort zwischen Hoffnung und Ernüchterung. Bewohner sind manchmal wenige Wochen dort, manchmal Jahre. Das Leben hält hier an. Auf unbestimmte Zeit. Finja erinnert sich an einen Mann, der Frau und Tochter bei der Überfahrt verloren hatte. Er und sein Baby überlebten. Finja erlebt in ihren drei Aufenthalten, wie das Baby zum Kleinkind wurde. Wie es anfängt zu laufen und zu sprechen. Und gleichzeitig, wie beim Vater jede Hoffnung auf ein neues, besseres Leben schwindet. „Wenn man sieht, was man selbst in der Zeit alles gemacht und geschafft hat und dann die Leute sieht, die nur in diesem Camp gewartet haben …“

Es gibt etwas, das nennt sich Compassion Fatigue. Eine Art Schutzmechanismus des Körpers. Das Leid wird zu viel, man schaltet emotional ab. „Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich gar keine Gefühle mehr hatte“, erinnert sich Finja an die Zeit, als sie ein ganzes Jahr im Camp war. Das war zur Zeit des Angriffs der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. Die Zahl der Palästinenser im Camp nahm zu. „Die Erzählungen und Eindrücke waren so überwältigend. Irgendwann kam ein Punkt, wo ich das Gefühl hatte, nur noch eine Maschine zu sein. Es ist gefährlich, wenn wir an so einen Punkt kommen, denn ich denke, Mitgefühl ist das, was wir in unserer Welt brauchen. Vor allem, wenn das Camp so voll ist.“ Über 6.000 Menschen waren es damals. „Es klingt hart, aber es ist wie eine Massenabfertigung, man hat nicht die Zeit für Gespräche.“

Irgendwann kommt für jeden Freiwilligen der letzte Tag im Camp. Der Flieger wartet. Kein Abschiebeflug. Es geht zurück in ein reiches und sicheres Land. Was macht das mit einem? „Ich habe bei jedem Abschied eigentlich den kompletten Rückflug geweint“, sagt Finja. „Es ist unvorstellbar, es hat mir jedes Mal das Herz zerrissen. Man entwickelt natürlich auch Beziehungen zu den Leuten vor Ort, kennt die Lebensgeschichten.“ Man sei sich bewusst, dass man die Leute zurücklasse. „Es fühlt sich ein bisschen nach Versagen an, wenn man ihre Wünsche nicht erfüllen kann. Man wollte ja helfen.“ In Deutschland dann der harte Kontrast zu gewöhnlichen Alltagsproblemen, die nichts mit der Schwere der Probleme im Camp gemein haben. „Schuldgefühle“, sagt Fynn knapp. Um die Überfahrt von der Türkei nach Griechenland bezahlen zu können, verkaufen manche Flüchtende ihre Organe, so hört es Fynn im Camp. „Ich darf jetzt komfortabel in den Flieger steigen. Das Zurückkehren ist so absurd.“ Hinzu käme das mangelnde Verständnis in Deutschland. „Viele können nicht begreifen, was Flucht bedeutet. Warum man dafür aktiv ist und aktiv sein sollte.“ Auch für Mimi war die Rückkehr nicht einfach, sie hat danach aber noch mehr Empathie und Verständnis entwickelt. Mimi berichtet von einer recht abweisenden Frau im Camp. Irgendwann erfährt sie, warum. „Sie wollte mit Volunteers keine Beziehung aufbauen, weil es ihr jedes Mal das Herz bricht, wenn diese wieder gehen – und sie bleibt jedes Mal zurück.“

Fynn wünscht sich, „dass Menschen mit eigenen Augen sehen würden, was es bedeutet, Europa abzuschotten. Dass da menschliches Leben dranhängt. Dass es auch unsere Steuergelder sind. Ich glaube, diese Erfahrung würde viel verändern, auch politisch.“
„Manchmal wird vergessen, dass das Menschen sind. Väter, Mütter, Söhne, Töchter. Menschen wie wir. Menschen, die schlimme Erfahrungen gemacht haben“, ergänzt Finja. „Sie haben halbe Kontinente überquert und wir stecken sie in Lager mit Stacheldraht. Nicht nur hier, überall grenzen wir Menschen aus.“

Mimi fordert, den Bogen zu spannen, das ganze Bild im Blick zu haben: „Nicht nur, dass Menschen flüchten, sondern auch unsere Verantwortung und Involviertheit zu beleuchten. Wie spielen wir in aktuelle Konflikte mit rein? Wie sind die globalen Machtstrukturen? Das hängt alles miteinander zusammen.“ Can Dündar (ehemaliger Chefredakteur der türkischen Zeitung Cumhuriyet, lebt im Exil in Deutschland) zeigt in seinem Buch „Tut was!“ die europäische Doppelmoral in Sachen Demokratie und Menschenrechte auf. „Als die Verfechter der Demokratie in der Türkei sahen, wie leicht Europa seine Prinzipien über Bord warf, als es um seine tagespolitischen Interessen ging, waren sie zutiefst enttäuscht. Ihnen hat sich ins Gedächtnis eingegraben, wie Erdogans Unterdrückungsregime hofiert wurde, damit nicht noch mehr Flüchtlinge nach Europa kämen, wie bei Besuchen in Ankara kaum Menschenrechtsverletzungen angesprochen wurden, damit der Handel keinen Schaden nähme, aber Waffengeschäfte abgeschlossen wurden, wie man zum größten Journalistengefängnis der Welt schwieg, um einen profitablen Markt nicht zu verlieren“, schreibt Dündar. Oder kürzer: Profit over people.

„Die meisten Flüchtlinge kommen nur hierher, um das Sozialsystem auszunutzen“. Laut Mitte-Studie 2025 stimmen dieser Aussage 17,6 Prozent der Befragten „voll und ganz“ sowie 12,6 Prozent „eher“ zu. Insgesamt also über 30 Prozent. Das Bild vom Flüchtling als Gewalttäter ist ebenfalls weit verbreitet. Die Vorbehalte sind auch im Camp Mavrovouni angekommen. Ein junger Palästinenser, Basketballfan, nahm Finja kurz vor ihrer Rückkehr ein Versprechen ab. Das solle sie zuhause ausrichten:

„Die Menschen brauchen keine Angst vor uns haben.“

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