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Ein ganzes Leben
Zu Besuch bei der Tierhilfe Jonathan in Neuburg
In jedem Tier steckt ein ganzes Leben. Unabhängig davon, wie groß oder klein es ist. Jedes Lebewesen nimmt seine Umwelt auf seine eigene Weise wahr – und erfüllt eine einzigartige Rolle in der Natur.
Eigentlich kommen Tiere ganz gut ohne uns zurecht. Eigentlich müsste man sagen: Wahrscheinlich würden sie deutlich besser ohne uns zurechtkommen. Manchmal aber geraten Tiere nun mal in ausweglose Situationen. Dann treten Menschen wie Andreas Kopernik und Margit Schuhmann auf den Plan. Zum Glück. „Je hilfloser ein Lebewesen ist, desto größer ist sein Anspruch auf menschlichen Schutz“, soll Mahatma Gandhi einmal gesagt haben. Das Paar aus Neuburg hat diesen Spruch voll und ganz verinnerlicht, ihn sich zum Lebensinhalt gemacht – und prominent auf der Webseite platziert.
Besuch bei der Tierhilfe Jonathan. „Einfach anders“ steht im Logo des Vereins. Das stimmt. Aber was das in der Realität bedeutet, versteht man erst so wirklich, wenn man ein paar Stunden dort verbracht hat. Der Wintergarten ihres Hauses ist die Einsatzzentrale der beiden Tierschützer. Hier geht es im wahrsten Sinne des Wortes zu wie im Taubenschlag. Das liegt nicht nur daran, dass sich gerade mitten auf dem Tisch des Wintergartens tatsächlich eine junge Taube erholt. Ständig klingelt das Telefon, Menschen kündigen verletzte Vögel an, das Gartentor geht auf, Menschen bringen verletzte Vögel vorbei. Margit Schuhmann füttert im Akkord mit der Pipette oder der Pinzette. Hat sie in den letzten aufgerissenen kleinen Schnabel etwas hineingeschoben, kann sie quasi beim ersten wieder anfangen.
Nebenbei watschelt ein Entenküken heran und zupft an den Schnürsenkeln unseres Redakteurs. Manchmal hüpft ein bereits wieder in die Freiheit entlassener Vogel heran und schaut neugierig in den Wintergarten. Futter wird vorbereitet, gehäkelte Nester aus einer prallgefüllten Kiste für die Neuankömmlinge herausgezogen. Um uns herum zwitschert es, als wären wir selbst in einer großen Voliere. Der ganze Wintergarten und der Garten selbst sind voll mit Käfigen. Fliegen schwirren. Und mittendrin sitzen wir und stellen Fragen.
Turmfalken, Wachteln, Grauschnäpper, Rauchschwalben… Wie viele Tiere Andreas Kopernik und Margit Schuhmann hier gerade gleichzeitig pflegen, wissen sie nicht. Aber um die 100 dürften es schon sein, vermutet Schuhmann. Der Großteil sind Vögel, aber auch ein Feldhase, eine Fledermaus und ein Mauswiesel sind dabei. Die beiden dokumentieren sehr genau. Jeder, der ein Tier vorbeibringt, bekommt einen kleinen Block gereicht, auf dem er seinen Namen eintragen muss. Die Vögel werden auf Verletzungen untersucht und eine obligatorische Frage wird gestellt: Hat die Katze ihn gehabt? Falls ja, muss Antibiotika verabreicht werden, der Speichel sei „hochinfektiös“, sagt Schuhmann. Am Ende landet alles in einer Excel-Tabelle. 907 „Patienten“, so nennt sie ihre Schützlinge, waren es 2025. Tatsächlich geht es hier zu wie in einem kleinen Krankenhaus. Mitte Juli, zum Zeitpunkt des espresso-Besuchs, waren es heuer schon 1.120. Vielleicht muss man hier direkt noch einmal daran erinnern, dass diese Mammutaufgabe von zwei Menschen im Rentenalter bewerkstelligt wird. 56 Vogel- und sieben weitere Tierarten versorgten sie im vergangenen Jahr. Zwar ist im Sommer besonders viel los, aber um Tiere kümmern sie sich über das ganze Jahr hinweg.
In Deutschland sterben jedes Jahr schätzungsweise über 100 Millionen Vögel durch Kollisionen mit Glasscheiben und Fenstern. Bis zu 200 Millionen sollen Katzen zum Opfer fallen. Einige der Vögel, die in der Tierhilfe Jonathan landen, haben ähnliche Erfahrungen gemacht, nur mit etwas glimpflicherem Ende. Ihre Lebensbedingungen werden immer schlechter, die Umweltbelastung steigt, der Lebensraum schrumpft. Manche Vögel verfangen sich in Angelschnüren oder verletzen sich an Angelhaken. Um im Sommer dem Hitzetod zu entgehen, springen Babyvögel aus dem überhitzen Nest, obwohl sie noch nicht bereit dazu sind. Das betrifft oft jene, die unter Dächern oder an Mauern brüten. Die Auswirkungen davon sieht man in der Tierhilfe. Einem guten Dutzend Mauersegler stopft Schuhmann einem nach dem anderen ein Heimchen in den weit aufgerissenen Schnabel.


















Per Telefon wird ein Kernbeißer angekündigt. Kopernik schnauft kurz. Dann erzählt er, wie es der 77-Jährige gerne tut: „Ein Kernbeißer hat eine Beißkraft von 50 Kilogramm.“ Mit so einem kräftigen Biss hat sein Daumen selbst schon Bekanntschaft machen müssen. Zum Glück erst ein Jungvogel, ergänzt er lachend. Schmerzhaft war es trotzdem. Als die Dame den nur rund 50 Gramm schweren Racker mit dem dicken Schnabel wenig später vorbeibringt, zieht er sich zur Vorsicht dicke Handschuhe an (s. Titelfoto).
Der Regen setzt ein. Kopernik steht vom Tisch auf und geht hinaus in den Garten, um die Käfige abzudecken. Ein Gutes hat der Regen: Es dauert nicht lange, dann flirren weit weniger Fliegen um uns herum. „Die Schmeißfliege ist unser größter Feind“, sagt er. An der Wand sitzt ein wunderschöner Waldkauz in einem Käfig. Er verhedderte sich in einer Angelschnur und verfing sich damit in einem Baum. „45 Minuten lang haben wir ihm Fliegeneier abgezupft“, erklärt Kopernik. Macht man das nicht, dauert es nicht lange und es wimmelt vor Maden.
Ein Mann und eine Frau betreten den Wintergarten mit einem großen Karton. Mit einem geübten Griff hält Kopernik kurz darauf eine Rabenkrähe in der Hand und untersucht sie. Der Mann erzählt viel, wie er die Krähe gefunden hat, wie er sie in der Lagerhalle seiner Arbeitsstelle aufgepäppelt hat. Schließlich zückt er sein Smartphone und zeigt ein Video, wie sie auf Kommando auf seinem Arm landet. Man muss kein besonders großer Menschenkenner sein, um herauszuhören, dass er eine ganz feste Beziehung zu diesem Tier aufgebaut hat. „Ich habe die letzten Tage schon schlecht geschlafen“, sagt er schließlich. Die Trennung fällt ihm sichtlich schwer. Geld für Futter habe er auch noch gespart, sagt er, und legt bedrückt 50 Euro auf den Tisch. Kein Rabenvater also. Margit Schuhmann setzt sich währenddessen zurück an den Tisch und beginnt, tote Futtermäuse mit einer Schere zu zerschneiden. Ganz zum Leidwesen der mitgereisten Frau, die kurz erschaudert. Zimperlich darf man in der Tierpflege nicht sein.
Aus dem 60 Kilometer entfernten Dillingen haben die beiden die Krähe hergefahren. Die Tierhilfe Jonathan hatte schlicht die besten Google-Rezensionen, sagt der Mann. Auch selbstkritisch ist er mit seinem Umgang mit der Krähe. „Man darf die Fehler nicht immer bei sich suchen“, bekommt er als Antwort zu hören. Bei der Tierhilfe servieren sie eben nicht nur Mäuse und Insekten, sondern auch Lebenstipps. Und überhaupt habe er ihnen schon viel Arbeit abgenommen. Es ist ihm ein kleiner Trost. Mindestens dreimal dreht er sich auf dem Weg nach draußen noch um. Ein herzerwärmender Moment, der einem vor Augen führt, dass eben doch nicht die ganze Welt von Hass regiert wird.
Ihr Einzugsgebiet liege bei rund 100 km, sagen die beiden Tierschützer aus Neuburg. Es sei aber auch schon einmal jemand aus Freyung an der tschechischen Grenze dagewesen. Ein halbes Dutzend Siebenschläfer habe er gebracht. Über den Winter hindurch haben sie diese damals aufgepäppelt.
Für Menschen wie es die beiden sind, gibt es viele Begriffe und Zuschreibungen. Unikate sind es sicherlich. Sie mit ihrer herzlichen Art, er mit dem Schalk im Nacken. Direkt sind sie beide. Das Herz am rechten Fleck haben sie sowieso. Sie kümmern sich nicht nur um ihre Schützlinge, manchmal werden sie auch zum Seelsorger für die Menschen, die ihnen Tiere vorbeibringen und deren Lebensgeschichten sie bereitwillig lauschen. Die beiden sind aber auch – im besten Sinne – verrückt. Anders kann man nicht erklären, was sich die beiden aufhalsen. 18 Stunden am Tag, von 5 Uhr bis 23 Uhr, kümmern sie sich um ihre gefiederten Freunde. Einmal stand eine Beerdigung an. Die Vögel kamen kurzerhand in den Kofferraum, wurden auf dem Hinweg am Rastplatz gefüttert und direkt nach der Kirche wieder. „Wenn du sowas anfängst, musst du durchziehen“, sagt Kopernik.


Ganz zu Beginn des espresso-Besuchs zieht er einen dicken Ordner heraus. Früher haben sie viele Fälle mit Fotos dokumentiert. Das hat nachgelassen, irgendwann wiederhole sich eben alles. Seit 2009 gibt es den Verein. „Wie entsteht eine Feder?“, fragt Kopernik eher rhetorisch und setzt zum Vortrag samt Schaubild an. Den Vortrag hat er schon oft gehalten, man merkt es. Auch der oben erwähnte „Rabenvater“ hat ihn zu hören bekommen. Kopernik will eben auch Wissen vermitteln und wenn er merkt, dass man selbst den ein oder anderen Vogel abseits von der Amsel bestimmen kann, huscht ein breites Grinsen über sein Gesicht. In einem Schrank im Wintergarten reihen sich Ordner und kleine Fotobücher über alte Fälle aneinander. Es ist ein Lebenswerk. Anders kann man es nicht beschreiben.
Wenn Kopernik mit dem Blättern beginnt und über die vielen Verletzungen erzählt, wie über Wochen hinweg verkrampfte Greifvögelfänge versorgt werden, Muskeln in einer Art Bewegungstherapie wieder aufgebaut werden, sprich, wenn er vom Weg zurück ins Leben berichtet, ist es unmöglich, auf der letzten Seite nicht sehr viel Respekt vor ihm und seiner Lebensgefährtin entwickelt zu haben. Manchmal muss man auch lachen, etwa, wenn plötzlich ein Bild der beiden im OP-Kittel und einem Schwan im Schoß auftaucht. „Schwäne haben keinen Schließmuskel“, sagt Kopernik verschmitzt. Was das bedeutet, kann sich jeder selbst ausmalen. Und überhaupt: dass auf dem Tisch ein paar Rollen Klopapier liegen, ist ebenfalls kein Zufall. Immer gibt es irgendwo etwas zu wischen. Was oben reinkommt, kommt unten wieder raus. Und oben kommt sehr viel rein.
„Man kann nicht jeden retten“, sagen die beiden Tierschützer, aber 75 Prozent ihrer Patienten hätten sie im vergangenen Jahr zurück in die Natur entlassen können. Namen geben sie ihnen nicht. Immer noch kullert beim Abschied ab und zu eine Träne, sagt Schuhmann, vor allem bei den intensiven Fällen.
Zwei Wochen Jahresurlaub gönnen sich die beiden Neuburger. Für diese Zeit übernimmt eine Bekannte die Tierhilfe. Etwas zögernd stimmten die beiden dem espresso-Besuch zu. Es ist verständlich. Die Arbeit ist jetzt schon kaum zu bewältigen. Eine Nachfolge sei nicht in Sicht – und besonders optimistisch sind sie, was das angeht, ebenfalls nicht.
In jedem Tier steckt ein ganzes Leben. Für Andreas Kopernik und Margit Schuhmann bedeutet das: jeden Tag aufs Neue zu versuchen, möglichst viele davon zu retten. So lange sie können.
Tierhilfe Jonathan e.V.
Spendenkonto:
IBAN: DE09 7205 1210 0005 5816 73
BIC: BYLADEM1AIC

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