Mann der Extreme

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Mann der Extreme

Fotos und Interview: Stefanie Herker

Maximilian Schwarzhuber will als erster Mensch ohne Beine die Zugspitze überschreiten – innerhalb eines Tages

Im Kleinkindalter verändert eine schwere Erkrankung das Leben von Maximilian Schwarzhuber aus Wolnzach schlagartig. Als Zweijähriger wacht er nach einem Mittagsschlaf mit gelähmten Füßen auf. Es folgen mehr als zwei Jahrzehnte voller Krankenhausaufenthalte, Operationen und Rückschläge. 2017 trifft er eine mutige Entscheidung: die Amputation beider Unterschenkel. Ein Neuanfang. Heute ist er erfolgreicher Speaker, läuft mit Prothesen Marathons und begeht Berge. Er inspiriert Menschen mit seiner Geschichte. Im Interview spricht der 33-Jährige u.a. über Kampfgeist, Survival in den Bergen und was die wichtigste Mission im Leben sein sollte.

Das Thema unserer Ausgabe ist Survival. Wann wurde bei dir aus Überleben Leben?
Vor meiner Amputation war wenig Leben dabei, da war auch wenig Lust dabei, weil es eben immer nur darum ging, wie kann ich mit den Schmerzen umgehen, wie kann ich mit meiner allgemeinen Lebenssituation umgehen, mit dieser Gebrechlichkeit. Als Teenager auf Hilfe von anderen angewiesen zu sein, ist gar kein schönes Gefühl. Erst nach der Amputation konnte ich ein selbstständiges Leben anfangen und einfach viele Dinge machen, mobil sein, stark sein. Das alles war vorher unmöglich. Ich glaube, die meisten Leute merken erst, was für ein beschissenes Gefühl das ist, wenn man dann soweit ist, dass man auf Hilfe anderer angewiesen ist.

Diese schwere Zeit hat dich geprägt. Du hattest eine soziale Phobie, Angst, nicht angenommen zu werden. Als Jugendlicher hast du dich dieser Angst gestellt und hast sie in der Münchner Fußgängerzone auf deine Art überwunden. Wie genau hast du das geschafft?
Jeden Tag, über drei Jahre, bin ich nach der Arbeit in die Fußgängerzone und habe versucht, eine Frau nach der Uhrzeit zu fragen. Es hat drei Wochen gedauert, bis ich das endlich geschafft hab. Man sieht, wie tief meine sozialen Ängste damals waren. Die Angst, zurückgewiesen zu werden. Die Unzufriedenheit mit mir selbst, dass ich das nicht auf die Reihe bekomme, hat mich dann doch dazu gepusht, dass ich die erste Frau anspreche. Ich habe es dann ein bisschen übertrieben – nach drei Jahren hatte ich über 3000 fremde Frauen angesprochen.

Du führst mittlerweile ein selbstbestimmtes Leben. Ist das Leben für dich manchmal trotzdem noch ein Kampf oder überwiegt die Lebenslust?
Es überwiegt schon die Lust. Es ist nicht immer alles super leicht, aber ich mache es mir natürlich auch nicht leicht. Und wenn das Kampfelement nicht dabei wäre, dann würde man auch irgendwas falsch machen. Wir Menschen neigen ja gerne dazu, dass wir es uns sehr bequem machen – das will ich aber gar nicht. Ich brauche sportliche Herausforderungen.

Bei anspruchsvollen Bergtouren geht es immer auch irgendwo ums Überleben. Was sollte man bei jeder Tour dabei haben?
Ein Biwaksack, der kann absoluter Lebensretter sein und ein Erste-Hilfe-Kit.
Das sollte jeder dabei haben, ob man jetzt die brutalste Hochtour in den Alpen macht oder nur eine einstündige Wanderung.

Wir haben dich vor drei Jahren zum Interview getroffen. Damals hattest du noch einen Vollbart und ein paar Kilo mehr auf der Rippen. Dein sportliches Ziel die 7 Summits zu besteigen hattest du damals verfehlt. Was hat sich seither verändert?
Ich war seitdem insgesamt mehr in den Bergen unterwegs und habe die Seven Summits der Alpen kurz danach innerhalb von 84 Tagen bestiegen. Und auch sportlich hat sich viel verändert. Ich hab einiges abgenommen ja, und mache seit zweieinhalb Jahren zusätzlich zum Ausdauersport Krafttraining. Ich wusste, Krafttraining ist super elementar wichtig, aber ich mache es halt nicht gern. Beim Rennradfahren hingegen suche ich mir schöne Touren aus und fahre locker vier, fünf Stunden, z.B. zum Schloss Dachau oder mal nach Regensburg und zurück. Ansonsten habe ich bis Mitte Juni diesen Jahres auf den Mitteldistanz Triathlon in Ingolstadt trainiert.

Seit gut einem Monat trainierst du für dein aktuelles Projekt, die Zugspitzüberschreitung als erster Mensch ohne Beine innerhalb eines Tages. Wie bereitest du dich darauf vor?
Ich mache Krafttraining – zwei bis drei Mal die Woche eine Stunde Ganzkörpertraining wie gewohnt. Neben Kraft zählt Ausdauer und die Gewöhnung der Gelenke, Sehnen und der Muskulatur an die Belastung am Berg. Ich fahre Rennrad und ich gehe mit Gewichten wandern, um mich auf die vielen Höhenmeter vorzubereiten. Ich packe mir dann gerne mal 20 Kilo in den Rucksack rein und dann gehe ich eine Schleife hier im Wald, die ist 500 Meter lang und hat 35 Höhenmeter, die laufe ich die ganze Zeit rauf und runter. Beim herunterlaufen geht meine Herzfrequenz schön runter auf 130 und beim Hochlaufen auf 170 hoch – so hab ich meine intensiven Einheiten. Zur Vorbereitung außerhalb des Trainings gehört natürlich auch die Wegplanung. Ich habe mir gewisse Wegpunkte gesetzt, wann ich wo sein will. Manche sagen, ich wäre ein „Dipferlscheißer“.

Welche Route wirst du nehmen und was sind dabei die größten Herausforderungen?
Ich gehe den Aufstieg über das Höllental und den Abstieg über das Rheintal. Das sind insgesamt 32 Kilometer und gute 2200 Höhenmeter. Der Aufstieg über das Höllental ist mitunter der technisch anspruchsvollste. Also da ist die technische Kraxelei im Klettersteig, aber auch der Gletscher, der überquert werden muss. Diese Kombination ist sicherlich die größte Herausforderung. Beim Abstieg über das Rheintal muss man hingegen kaum klettern, aber dafür zieht es sich extrem lang – über 22 Kilometer. Wenn ich dann schon viele Stunden in den Beinen hab, dann wird es sich es auf den letzten 10 bis 15 Kilometern entscheiden, wie fit ich noch bin, vor allem wie gut meine Knie noch mithalten. Die Knie sind meine persönliche Achillesferse. Weitere Hürde: Ich mache die komplette Zugspitzüberschreitung alleine, weil ich einfach niemanden finden konnte, der Zeit hat, mit dem ich mich gut verstehe und der auch noch entsprechend fit ist. Ohne brutale Kondition hat man da keine Chance. Zur Sicherheit bekommen meine Leute zu Hause ein Live-Tracking mit allen aktuellen Vitaldaten zur Verfügung gestellt. Wenn sie merken, es passt irgendwas nicht, dann können sie Hilfe organisieren. Ich bin allerdings Solotouren gewohnt, vor allem im Winter genieße ich es sehr, wenn es einfach nur den Berg und mich gibt. Eine weitere Herausforderung werden die Menschenmassen sein. Ich werde extrem früh losgehen, gegen Mitternacht, um Schlüsselstellen, wo man teilweise ein bis zwei Stunden warten muss, zu umgehen. Bei Sonnenaufgang möchte ich am Gletscher sein, noch bevor die erste Gondel auf die Zugspitze fährt. Wenn die ersten Touristen ankommen, mache ich mich auf zum Abstieg. So wäre der Plan.

Bist du die Tour schon einmal gelaufen?
Ich bin schon öfter übers Höllental aufgestiegen und ich war schon öfter auf der Zugspitze, schon allein wegen den Seven Summits damals. Aber ich hab noch nie die Überschreitung gemacht und vor allem nicht an einem Tag.

Was ist dein Plan B für den Notfall am Berg?
Die Zugspitze hat viele Exit-Möglichkeiten. Im Notfall kann ich am Gipfel mit der Gondel herunterfahren, ich kann bei Sonnalpin mit der Zahnradbahn abfahren, ich kann bei der Knorrhütte oder Rheintalangerhütte über Nacht bleiben oder die Route abkürzen.

Max nimmt für seine Wanderung über die Zugspitze nur das Nötigste mit: Helm, Trinksystem, Wasserflasche, Sonnenbrille, Windbreaker, Handschuhe, Rucksack, Eispickel, Mütze, Elektrolyte, Langarmshirt, Erste-Hilfe-Set, Biwaksack, Sonnencreme, Go-Pro, Stirnlampe, Power-Bank, Gurt und Klettersteig-Set, Steigeisen, Flüssignahrung und Wanderstöcke.

„Man muss die Fähigkeit besitzen, abbrechen zu können.“

Was nimmst du mit? Welche Gegenstände sind unverzichtbar?
Alle Gegenstände, die ich mitnehme, sind unverzichtbar: Wasser, knappe 4000 Kalorien Flüssignahrung und ansonsten Gurt, Klettersteigset für den Klettersteig, Steigeisen und Pickel für den Gletscher. Helm ist Standard, Kleidung, Handy und Go-Pro, Elektrolyte, Stirnlampen für die ersten Stunden in der Dunkelheit. Für mich sind Wanderstöcke noch ein riesengroßer Vorteil, um Gleichgewicht und Trittsicherheit zu gewährleisten und auch was die Kraft angeht – mir fehlt die Unterschenkelmuskulatur.

Wenn du oben stehst, was bedeutet dieser Moment für dich?
Das weiß ich noch nicht, das ist immer unterschiedlich. Ich hatte die unterschiedlichsten Gipfelerlebnisse, aber eines muss klar sein: Der Gipfel darf bei so einer Tour immer nur ein Zwischenziel sein. Mein eigentliches Ziel ist mein Auto am Parkplatz.

Was ist die wichtigste Fähigkeit in den Bergen?
Man muss die Fähigkeit besitzen, abbrechen zu können. Und ich habe schon viele Touren abgebrochen. Bei den Seven Summits, den 7 Gipfeln, habe ich zehn Anläufe gebraucht, also dreimal abgebrochen. Und das gehört halt eben dazu. Da muss man sein Ego zurückstellen. Das ist Teil des Spiels in den Bergen. Alles andere kann dich das Leben kosten. Beim Triathlon kann ich alles geben, bis ich umkippe, weil da ist sofort jemand da, der mir hilft. Das ist in den Bergen nicht der Fall, da muss man ganz anders vorgehen.

Du bist mittlerweile erfolgreich als Speaker und Coach unterwegs. Wer sind deine Zuhörer und was ist dir wichtig, den Menschen mitzugeben?
Meine Zuhörer sind bunt gemischt. Ich bin in Firmen, auf Kongressen. Was ich aber auch oft immer wieder mache, weil es mir auch ein Anliegen ist und einfach auch Spaß macht, sind Schulen – weil Schüler noch irgendwie das Ganze unbefangener aufnehmen, was ich ihnen sage. Was mir wichtig ist: Es geht mir überhaupt nicht um Motivation. Motivation ist das, was die Leute Anfang Januar in die Fitnessstudios treibt, aber nicht drin hält. Mir geht es um Persönlichkeitsentwicklung im Allgemeinen. Die Basis dafür wird meines Erachtens ständig übersehen. Denn, wenn man die Leute fragt, was ist Persönlichkeitsentwicklung, dann kommen so Dinge wie positives Denken und Affirmationen, Disziplin usw. Und das sind teilweise ganz nette Punkte, aber das sind nur kleine Stellschrauben.

Was sind die größeren Stellschrauben?
Der Körper. Ein Beispiel: Wenn Menschen mit massivem Übergewicht viszerales Bauchfett mit sich herumtragen und ständig einen Herd an Entzündungen haben, wie sollen diese positive Gedanken kultivieren, wenn ihr Körper ständig gegen innere Entzündungen kämpft? 50% der Deutschen sind übergewichtig. Und ich habe vielleicht das große Glück, dass ich weiß, wie es ist, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Die bittere Wahrheit ist, vielen von uns wird genau das im Alter blühen. Die frohe Botschaft ist, man kann viel Unangenehmes von sich abwenden, indem man seinen Körper gut behandelt. Es ist wichtig eine oder mehrere Missionen im Leben zu haben, aber egal welche Mission man hat, die wichtigste sollte immer der eigene Körper sein. Denn alle anderen Missionen sind nichts mehr wert, wenn der Körper – und damit auch der Geist – nicht mehr funktioniert. Und natürlich ist es wichtig, wenn ich morgens in den Spiegel sehe, dass ich mir gefalle. Dadurch verhalte ich mich ganz automatisch selbstbewusster und die Menschen reagieren auch ganz anders auf mich.

Du bist seit Jahren auch immer wieder in den Medien durch deine besondere Geschichte und deinen Sportsgeist. Welche Seite von Maximilian Schwarzhuber kennt die Öffentlichkeit nicht?
Haha. Ich glaube, dass in der Öffentlichkeit die Wahrnehmung herrscht, dass ich ein so super disziplinierter Mensch bin – das bin ich gar nicht. Ganz im Gegenteil. Ich habe mir mit der Zeit einfach viele Routinen und Mechanismen aufgebaut, um meine Undiszipliniertheit zu umgehen. Was ich sportlich mache, das erregt Aufmerksamkeit und ich liebe es, die Herausforderung zu suchen, das spornt mich immer wieder enorm an. Aber: Die grundlegende große Mission, die dahinter liegt, ist meine Gesundheit, die ich möglichst bis ins hohe Alter bewahren will.

Wusstest du, wenn man dich googelt, erscheint als erster Suchvorschlag nach Maximilian Schwarzhuber das Wort „Freundin“. Bist du so gefragt?
Ich wusste das tatsächlich vorher, weil mir das irgendjemand mal gesagt hat. Keine Ahnung, bin ich so gefragt? Wie sagt man so schön: Ein Gentleman schweigt und genießt.

Was muss eine Partnerin für dich mitbringen?
In meinem speziellen Fall müsste sie wahrscheinlich genauso leidensfähig sein wie ich bei meinen Sportprojekten, nur in der Beziehung. Und das ist eigentlich fast ein Ding der Unmöglichkeit, würde ich mal sagen. Ich bin viel unterwegs, ich mach sehr viel Sport. Ich stürze mich in die Arbeit, da bleibt nicht viel Zeit für Beziehung und das muss eine Partnerin entsprechend akzeptieren. Bei mir haben aktuell einfach andere Dinge Vorrang im Leben, dennoch genieße ich die Zeit mit meiner Familie, meiner vierjährigen Nichte und meinem Neffen, der ist ein gutes halbes Jahr alt. Mit meiner Nichte war ich sogar schon auf der Zugspitze, wenn auch mit der Bahn.

 

Wer auf dem Laufenden bleiben möchte: Über seinen Instagram-Account
@maximilianschwarzhuber teilt Max Updates zur Zugspitzüberschreitung.

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