Über Leben

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Über Leben

Fotos + Interview: Stefanie Herker

Ein Gespräch mit Hubert Klotzeck

Mit 60 fängt das Leben an, heißt es oft. Wer Hubert Klotzeck genauer kennt, weiß: Diesen Satz würde er wohl nicht unterschreiben. Nicht, weil er dem Älterwerden nichts abgewinnen könnte, sondern, weil das Leben für ihn nie selbstverständlich war. Der Eichstätter Künstler und Fotograf feierte kürzlich seinen 60. Geburtstag. Wir sprechen mit ihm über seine Kindheit, in der der Überlebensmodus manchmal realer war als große Träume. Über die Spuren, die Verlust hinterlässt, und wie er es trotzdem geschafft hat, das Schöne am Leben zu finden.

Du warst sehr jung, als sich deine Eltern trennten. Deine Mutter musste die Familie mit wenig Geld durchbringen, Essen auf Rädern gehörte zum Alltag. Was hat diese Zeit in dir geprägt und welche nostalgischen Kindheitserinnerungen hast du dir trotz alledem bewahrt?
Als ich fünf Jahre alt war, trennten sich meine Eltern. Kurz darauf lernte meine Mutter meinen Stiefvater kennen – einen Menschen, der unser Leben über Jahre hinweg geprägt hat. Er war unglaublich brutal und hat meine Mutter und mich regelmäßig geschlagen und misshandelt. Das war meine Kindheit. 1975, ich war gerade neun Jahre alt, erhielt meine Mutter mit nur 31 Jahren die Diagnose Darmkrebs im Endstadium. Nach ihrem ersten Krankenhausaufenthalt verließ uns mein Stiefvater. Offenbar war er nicht bereit, sie in dieser schweren Zeit zu begleiten oder Verantwortung für mich zu übernehmen. Trotz all dieser Erfahrungen gibt es sie – die kleinen, warmen Erinnerungen, die geblieben sind. Ich bin in der Eckiusstraße am Taschenturm in Ingolstadt aufgewachsen. Ich erinnere mich an den alten Volksfestplatz, daran, wie ich am Scherbelberg Skifahren gelernt habe, und an die Bäckerei Kneidl. Von unserer Altane konnte ich direkt in die Backstube gelangen – für ein Kind war das fast ein magischer Ort. Schon damals habe ich ununterbrochen Menschengesichter gemalt oder die Stoffreste der Näharbeiten meiner Mama weiterverarbeitet. Ich erinnere mich an den Kindergarten im Marienheim, an „Tante Gabi“, an die Nachmittage in der Schütt, an meinen Kindheitsfreund Martin, daran, wie ich auf dem Spielplatz im Künettegraben das Schaukeln lernte, an die alte verfallene Liebl-Klinik neben dem Kreuztor und an meinen Schulweg zur Schanz. Diese Erinnerungen sind allerdings nur Bruchstücke. Sie tauchen wie kleine Inseln auf, werden aber immer wieder von den dunklen Erfahrungen überlagert: eingesperrt zu sein, Schläge, Hausarrest und das Gefühl, ständig Angst haben zu müssen. Vielleicht wirken gerade deshalb die wenigen unbeschwerten Momente bis heute so kostbar. Sie zeigen mir, dass selbst in einer schwierigen Kindheit Lichtblicke existierten – und dass diese kleinen Erinnerungen oft die größte Kraft entwickeln. Wenn ich heute auf meine Familiengeschichte zurückblicke, erkenne ich, dass sich Schicksalsschläge über Generationen hinweg fortgesetzt haben. Mein Vater war bereits ein Waisenkind. Auch meine Großmutter mütterlicherseits war als Kleinkind schon Waise, und meine Mutter wuchs ohne ihren Vater auf. Mein Stiefvater starb ebenfalls sehr früh – mit nur 41 Jahren. Meine Großmutter wurde nur 54 Jahre alt, mein Großvater starb Anfang sechzig. Es wirkt fast wie ein Familienmuster, das sich über Jahrzehnte hinweg fortgesetzt hat. Umso dankbarer bin ich, dass meine Tante und ich die Ersten in unserer Familiengeschichte sind, die diesen Bann durchbrechen konnten. Vielleicht hat gerade diese Erfahrung meinen Blick auf das Leben geprägt – mit einer großen Dankbarkeit für jeden Tag, den ich mit den Menschen verbringen darf, die ich liebe.

Als deine Mutter an Krebs starb, warst du gerade einmal 13. Deine Bezugsperson war dann dein Großvater, der dir in dieser schweren Zeit aber keine Liebe entgegenbrachte. Gab es damals jemanden, dem du dich anvertrauen konntest oder hattest du eher das Gefühl: Jetzt muss ich selbst sehen, wie ich durchs Leben komme?
Aus heutiger Sicht ist es fast erstaunlich, wie das Leben nach dem Tod meiner Eltern einfach irgendwie weiterging. Mein Vater starb im Dezember 1979 mit nur 39 Jahren, meine Mutter wenige Monate später, im März 1980, mit gerade 36 viel zu jung. Rückblickend frage ich mich manchmal, wie ein Dreizehnjähriger das überhaupt aushalten konnte. Eine wichtige Bezugsperson war die Schwester meiner Mutter – meine Tante. Sie war gerade einmal zwölf Jahre älter als ich und wurde für mich zu einem sicheren Hafen. Gleichzeitig glaube ich, dass der frühe Verlust meiner Mutter in mir sehr früh den Wunsch nach Nähe und Geborgenheit geweckt hat. Mit 14 hatte ich meine erste große Liebe. Diese Beziehung dauerte zwei Jahre, und bis heute bin ich dankbar dafür. Sie hat mir in einer Zeit, in der vieles zerbrochen war, Wärme und Halt gegeben. Anvertrauen konnte ich mich damals auch einem Lehrer, der sich sehr für mich eingesetzt hat. Er erkannte wohl, dass sich etwas ändern musste, und sorgte mit dafür, dass meinem Großvater die Vormundschaft entzogen wurde und ich einen Platz im Canisius-Konvikt in Ingolstadt bekam. Mein Vormund war dann Herr Werner, damals Leiter des Jugendamtes. Dafür bin ich bis heute dankbar. Meinen Großvater lernte ich tatsächlich erst bei der Beerdigung meiner Mutter kennen. Meine Großmutter hatte sich bereits 1945 von ihm scheiden lassen, da er während des Krieges in Frankreich eine Affäre hatte. Über das Jugendamt wurde er dennoch zu meinem Vormund bestimmt. Ich hatte ihn vorher nie gesehen. Leider war auch er ein sehr brutaler Mensch und starker Trinker. Zum Glück musste ich nur etwa neun Monate bei ihm leben, bevor ich im Januar 1981 ins Internat nach Ingolstadt wechseln konnte. Diese Zeit war voller Gegensätze. Unter der Woche herrschte im Internat ein streng geregelter Alltag mit klaren Regeln und Disziplin. An den Wochenenden und in den Ferien lebte ich bei meiner Tante – und dort erlebte ich das genaue Gegenteil. Ich hatte alle Freiheiten der Welt. Oft gingen wir sogar gemeinsam aus, z.B. in die Disco WhyNot, Koboldkeller, Cadillac. Rückblickend war diese Mischung aus Struktur und Freiheit wahrscheinlich genau das, was ich damals gebraucht habe. Sie hat mir geholfen, nach all den Verlusten wieder Vertrauen ins Leben zu entwickeln.

Du hast erzählt, dass du durch den frühen Verlust deiner Eltern bis heute mit Verlustängsten lebst. Wie beeinflusst das deine Beziehungen und deinen Blick aufs Leben?
Ich glaube, diese Verlustängste werden mich mein Leben lang begleiten. Sie sind nie ganz verschwunden. Bis heute merke ich, wie stark sie noch in mir wirken. Wenn ich ein Martinshorn höre oder von einem schweren Unfall erfahre, ist mein erster Gedanke nicht: Hoffentlich ist niemandem etwas passiert. Mein erster Gedanke ist: Bitte lass es niemanden aus meiner Familie getroffen haben. Diese Angst kommt sofort und völlig automatisch. Auch in meinen Beziehungen hat mich das lange begleitet. Ich war unglaublich eifersüchtig – und wenn ich ehrlich bin, steckt ein Teil davon bis heute noch in mir. Meine erste Ehe, ich war damals erst 23 Jahre alt, ist letztlich auch an dieser Eifersucht gescheitert. Heute weiß ich, dass dahinter weniger Misstrauen als vielmehr die tiefe Angst stand, einen geliebten Menschen zu verlieren. Wer als Kind so viel Verlust erlebt hat, entwickelt oft Strategien, die eigentlich schützen sollen – auch wenn sie Beziehungen dadurch belasten. Diese Ängste zeigen sich nicht nur in Partnerschaften. Auch wenn ich selbst krank werde, gerate ich schnell in Gedanken, die nur zwei Möglichkeiten kennen: alles oder nichts. Ein kleiner gesundheitlicher Rückschlag wird dann sofort zur Angst vor dem Sterben. Ich merke, wie mein Kopf die schlimmsten Szenarien entwirft. Mit den Jahren habe ich allerdings gelernt, diesen Gedanken nicht mehr völlig ausgeliefert zu sein. Ich habe mir eigene Strategien entwickelt, kleine Mantras, die mir helfen, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Ich sage mir bewusst, dass es zwischen Schwarz und Weiß auch ganz viel Dazwischen gibt. Dass es Hoffnung gibt. Heilung. Dass die Dinge oft nicht so schlimm werden, wie meine Angst sie mir ausmalt. Das gelingt nicht immer sofort, aber immer öfter. Und vielleicht ist genau das der wichtigste Unterschied zu früher: Die Angst ist noch da – aber sie bestimmt nicht mehr allein mein Leben.

Viele Menschen hätten an so einer Kindheit zerbrechen können. Was hat dir geholfen, weiterzumachen und zu dem Menschen zu werden, der du heute bist?
Diese Frage habe ich mir selbst schon oft gestellt. Warum bin ich daran nicht zerbrochen? Eine eindeutige Antwort darauf habe ich bis heute nicht. Ein Psychotherapeut hat mir einmal etwas gesagt, das mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Er meinte, mein „Akku“ sei in den ersten Lebensjahren offenbar sehr positiv aufgeladen worden. Trotz allem, was später passiert ist, muss ich in meiner frühen Kindheit genug Liebe und Geborgenheit erfahren haben, damit tief in mir ein Grundvertrauen erhalten blieb. Dieser Gedanke hat mir geholfen, meine eigene Geschichte besser zu verstehen. Vielleicht gab es noch einen weiteren, eher ungewöhnlichen Grund. Durch den Verlust meiner Eltern und mein Leben im Internat bin ich um viele typische Konflikte der Pubertät mit dem Elternhaus herumgekommen. Das klingt zunächst seltsam, aber ich musste mich nicht täglich mit Regeln, Verboten oder familiären Auseinandersetzungen beschäftigen. Stattdessen war ich sehr früh gezwungen, Verantwortung für mich selbst zu übernehmen und konnte mir die Freiheit zu Träumen beibehalten. Und dann war da noch diese unglaubliche Freiheit. Während im Internat ein streng geregelter Alltag herrschte, konnte ich an den Wochenenden und in den Ferien bei meiner Tante frei entscheiden, wie ich leben wollte. Diese Balance zwischen Struktur und Freiheit hat mir vermutlich sehr gutgetan. Ein weiterer wichtiger Baustein war die Kunst und Kultur. Schon als junger Mensch war ich immer von Menschen umgeben, für die Kreativität, Musik, Mode, Literatur oder Kunst selbstverständlich zum Leben gehörten. Das hat meinen Blick auf die Welt geprägt. Kunst war nie etwas Elitäres oder Abgehobenes, sondern immer eine Möglichkeit, Gefühle auszudrücken, Menschen zu begegnen und dem Leben einen Sinn zu geben. Rückblickend glaube ich, dass genau diese Mischung aus Freiheit, Eigenverantwortung und kultureller Inspiration dazu beigetragen hat, dass ich meinen Weg gefunden habe.

Du bist in Ingolstadt geboren, warst dort auf dem Internat, jetzt lebst du mit deiner Familie in Eichstätt. Ist Heimat für dich ein Ort oder ein Gefühl?
Diese Frage kann ich bis heute nicht eindeutig beantworten. Wahrscheinlich, weil Heimat für mich beides ist – ein Ort und ein Gefühl.
Wenn ich durch Ingolstadt gehe, ist dort fast jede Straße, jedes Gebäude und jeder Platz mit Erinnerungen verbunden. Dort habe ich meine Kindheit erlebt, dort liegen die schönen, aber auch die schmerzhaften Kapitel meines Lebens. Ingolstadt ist deshalb ein Teil von mir geblieben. Es ist der Ort, an dem meine Geschichte begonnen hat. Gleichzeitig empfinde ich mein heutiges Leben ganz anders. Mein Zuhause in Preith und die Bildfläche in Eichstätt sind zu meinem Hafen geworden. Dort bin ich angekommen. Dort kann ich gestalten, Menschen begegnen und das tun, was mich erfüllt. Die Bildfläche ist für mich längst viel mehr als ein Arbeitsplatz. Sie ist ein Ort der Begegnung, der Kreativität und der Offenheit – ein Stück Heimat, das ich mir selbst geschaffen habe. Und dann gibt es noch eine dritte Ebene von Heimat: die Menschen. Meine eigentliche Heimat ist dort, wo meine Frau Eva, meine Tochter Mia und lange Jahre mein Stiefsohn Felix sind. Eva ist für mich der Fels in der Brandung, der Mensch, der mir Halt gibt und mit dem ich mein Leben teilen darf. Und Mia ist ein Geschenk. Durch das Scheitern meiner ersten Ehe – zu dem auch meine damalige Eifersucht beigetragen hat – hatte ich lange das Gefühl, das Glück, Vater zu sein, verloren zu haben. Umso dankbarer bin ich heute, dieses Vaterglück mit Mia erleben zu dürfen. Das ist etwas, das ich niemals als selbstverständlich empfinde. Vielleicht liegt genau darin die Antwort. Heimat ist für mich die Verbindung aus den Erinnerungen, die mich geprägt haben, und den Menschen, mit denen ich heute mein Leben teilen darf. Die Vergangenheit gehört zu mir. Aber Zuhause ist dort, wo Liebe, Vertrauen und Geborgenheit sind.

Erst mit etwa 30 Jahren hast du die Fotografie für dich entdeckt. Brachte dir das Fotografieren neue Sichtweisen auf Menschen und deine Umgebung?
Nein, eigentlich nicht. Die Fotografie hat meinen Blick auf die Welt nicht grundlegend verändert. Vielmehr hat sie mir die Möglichkeit gegeben, das sichtbar zu machen, was schon lange in mir war.
Ich habe schon als Kind ununterbrochen Menschengesichter gemalt. Menschen, Stimmungen und Atmosphären haben mich schon immer fasziniert. Die Fotografie wurde für mich deshalb nicht zu einem Werkzeug, mit dem ich die Welt neu sehen lernte, sondern zu einer Sprache, mit der ich meine inneren Bilder manifestieren konnte.
Wenn ich fotografiere, geht es mir selten darum, die Wirklichkeit einfach abzubilden. Mich interessiert vielmehr das, was zwischen den sichtbaren Dingen liegt – die Stimmung eines Ortes, die Geschichte eines Gesichts oder das, was ein Mensch vielleicht gar nicht bewusst von sich zeigt. Die Kamera ist für mich deshalb weniger ein technisches Gerät als vielmehr ein Mittel, das Unsichtbare sichtbar werden zu lassen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich bis heute fotografiere: nicht, um die Welt zu dokumentieren, sondern um meine eigene Wahrnehmung mit anderen Menschen zu teilen.

Wie schaffst du es, dass ein Portrait den „echten“ Menschen dahinter zeigt? Und glaubst du, dass jeder Mensch eine Geschichte im Gesicht trägt?
Ich habe darauf keine klare Antwort. Vielleicht wäre ich sogar misstrauisch, wenn ich eine einfache Erklärung dafür hätte. Ein gutes Porträt entsteht für mich nicht nach einer festen Methode. Mir fällt in diesem Zusammenhang ein Zitat von June Newton ein. Sie sagte einmal sinngemäß, dass sie immer wusste: Wenn ihr Mann Helmut Newton einen Menschen fotografierte, dann war er in diesem Moment wie in einer Liebesbeziehung mit dieser Person verbunden. Es war ein Zustand völliger Offenheit – mit dem ganzen Herzen. Dieser Gedanke hat mich immer sehr berührt. Vielleicht ist genau das der Schlüssel. Wenn ich einen Menschen fotografiere, versuche ich nicht, ihn zu analysieren oder zu inszenieren. Ich begegne ihm offen und ohne Maske. Vielleicht gelingt es mir gerade deshalb, Menschen so zu fotografieren, weil ich selbst bereit bin, mein Herz offenzulegen und mich verletzlich zu zeigen. Ich glaube, dass diese Offenheit oft erwidert wird. Und ja, ich bin überzeugt, dass jeder Mensch eine Geschichte im Gesicht trägt. Manche Geschichten sind laut, andere ganz leise. Mich interessieren dabei nicht Perfektion oder Äußerlichkeiten, sondern die Spuren, die das Leben hinterlassen hat. Genau dort beginnt für mich ein gutes Porträt.

Du gibst in deinen Ausstellungen Menschen einen Platz, die sonst oft nur am Rande stehen: Flüchtlinge, Menschen mit Behinderungen oder in Seniorenheimen. Mit dem Kunstautomaten hast du schon vor Jahren in Eichstätt Kunst für den kleinen Geldbeutel geschaffen. Dein Café in der Bildfläche in diesem Sommer ist ein Ort, der Menschen verbindet. Ist dir das alles ein sehr persönliches Anliegen, das in einem Wunsch von Gemeinschaft und Harmonie gründet?
Ja, ich glaube, das trifft es ganz gut. Mir geht es bei vielen meiner Projekte gar nicht in erster Linie um die Kunst. Die Kunst ist oft nur der Anlass, damit Menschen miteinander in Kontakt kommen. Ich habe schon immer große Freude daran gehabt, Menschen miteinander zu verbinden. Vielleicht bin ich tatsächlich so etwas wie eine Synapse – ein Verbindungspunkt zwischen Menschen, Ideen und Lebenswelten. Es macht mich glücklich, wenn Menschen, die sich sonst nie begegnet wären, plötzlich miteinander ins Gespräch kommen oder gemeinsam etwas erleben. Deshalb interessieren mich oft gerade diejenigen, die am Rand der Gesellschaft stehen oder die im Alltag leicht übersehen werden. Ich möchte ihnen Raum geben, sichtbar werden zu lassen, was sonst oft unsichtbar bleibt. Das gilt für Ausstellungen genauso wie für den Kunstautomaten, die Telefonzelle oder das kleine Café in der Bildfläche. Es sind Orte und Projekte, die Menschen einladen, stehen zu bleiben, miteinander zu reden und vielleicht sogar neue Perspektiven zu entdecken. Ich glaube fest daran, dass Begegnungen unsere Gesellschaft zum Positiven verändern können – manchmal genügt dafür schon ein Gespräch, ein gemeinsamer Kaffee oder ein Bild an der Wand. Wenn meine Arbeit dazu beiträgt, solche Momente entstehen zu lassen, dann habe ich viel erreicht. Vielleicht ist genau das der rote Faden, der sich durch mein ganzes Leben und meine Arbeit zieht: Menschen miteinander zu verbinden. Wie eine Synapse.

Du machst heute genau das, was dir Freude bereitet – als Künstler, Fotograf und aktuell das kleine Café. Wann in deinem Leben hattest du das Gefühl: Jetzt überlebe ich nicht mehr nur, sondern jetzt lebe ich wirklich?
Ich glaube, dieser Moment kam nicht an einem einzigen Tag, sondern in zwei wichtigen Etappen. Der erste große Befreiungsschlag war 2011, als ich die Bildfläche zunächst nebenberuflich eröffnet habe. Zum ersten Mal hatte ich einen Ort, an dem ich meine Ideen verwirklichen konnte – ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen. Der zweite entscheidende Schritt folgte 2014. Damals habe ich die bewusste Entscheidung getroffen, der Fotografie und der Kunst den größten Platz in meinem Leben zu geben und mich selbstständig zu machen. Rückblickend war das einer der mutigsten und zugleich schönsten Schritte meines Lebens. Das Interessante ist: Ich hatte nie das Gefühl, etwas erzwingen zu müssen. Ich habe nie versucht, mich nach vorne zu drängen oder Karriere um jeden Preis zu machen. Viele der schönsten Dinge sind einfach entstanden. Aus einer Begegnung wurde ein Projekt, aus einer Idee eine Ausstellung, aus einem Gespräch eine neue Zusammenarbeit. Mein Leben hat sich oft organisch entwickelt, und dafür bin ich sehr dankbar. Ich empfinde es als ein großes Geschenk, dass ich heute das machen darf, was ich liebe. Natürlich gibt es auch Sorgen, finanzielle Unsicherheiten und Tage, an denen nicht alles leicht ist. Aber jeden Morgen aufstehen zu können und zu wissen, dass ich mit meiner Arbeit Menschen begegnen, Kunst schaffen und Ideen verwirklichen darf, ist für mich ein unglaubliches Privileg. Genau in diesem Gefühl liegt für mich der Unterschied zwischen bloßem Überleben und wirklichem Leben.

Ist Kunst für dich überlebenswichtig?
Ja. Ohne jeden Zweifel. Kunst ist für mich weit mehr als ein Beruf oder ein Hobby. Sie ist eine Form zu leben, zu fühlen und die Welt zu verstehen. Durch die Kunst kann ich Dinge ausdrücken, für die ich oft keine Worte finde. Sie gibt meinen Gedanken, meinen Erinnerungen und meinen Gefühlen eine Gestalt. Gerade mit meiner Lebensgeschichte glaube ich, dass die Kunst für mich immer auch eine Überlebensstrategie war. Sie hat mir geholfen, Erfahrungen zu verarbeiten, Menschen zu begegnen und Sinn zu finden. Vielleicht wäre ich ohne die Kunst ein anderer Mensch geworden. Dabei habe ich allerdings keinen akademischen oder abgehobenen Zugang zur Kunst. Ich entscheide fast immer mit dem Herzen. Mich interessiert weniger, ob etwas als Hochkultur gilt oder zum Alltäglichen gehört. Für mich kann ein weltberühmtes Gemälde genauso berührend sein wie eine Kritzelei eines Kindes, ein Graffiti an einer Hauswand oder ein Gespräch bei einer Tasse Kaffee. Kunst entsteht für mich überall dort, wo Menschen etwas Ehrliches von sich zeigen. Deshalb lautet meine Antwort ganz einfach: Ja. Kunst ist für mich überlebenswichtig. Nicht nur, weil ich sie erschaffe, sondern weil sie mich seit vielen Jahren trägt – und weil sie für mich eine Sprache ist, die jeder Mensch verstehen kann, unabhängig von Bildung, Herkunft oder gesellschaftlichem Status.

Worauf könntest du gut verzichten?
Auf die Hektik und die zunehmende Oberflächlichkeit unserer Zeit. Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir immer schneller werden, ohne wirklich voranzukommen. Alles muss sofort passieren, alles wird bewertet, kommentiert und optimiert. Dabei gehen oft genau die Dinge verloren, die das Leben eigentlich ausmachen: Zeit füreinander, echte Gespräche und die Fähigkeit, einfach einmal stehen zu bleiben. Gut verzichten könnte ich auch auf den ständigen Wettkampf. Dieses Gefühl, immer besser, erfolgreicher oder sichtbarer sein zu müssen. Ich glaube, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg hat und dass wir viel entspannter leben könnten, wenn wir uns weniger miteinander vergleichen würden. Und schließlich könnte ich gut auf elitäres Gehabe verzichten – gerade auch in der Kunst. Kunst sollte Menschen verbinden und nicht voneinander trennen. Sie sollte neugierig machen und berühren, statt darüber zu entscheiden, wer dazugehört und wer nicht. Ich wünsche mir eine Kultur, die offen ist, die Menschen einlädt und ihnen das Gefühl gibt, willkommen zu sein. Denn am Ende sind es nicht Titel, Preise oder akademische Begriffe, die uns als Menschen ausmachen, sondern unsere Offenheit, unsere Neugier und unser Herz.

Wenn du heute dem 13-jährigen Hubert begegnen würdest, was würdest du ihm sagen?
Ich würde ihn wahrscheinlich einfach in den Arm nehmen und sagen: „Alles wird gut. Du hast das meiste selbst in der Hand.“ Mit 13 Jahren konnte ich mir nicht vorstellen, wie mein Leben einmal aussehen würde. Ich wusste nicht, dass ich eines Tages eine Familie haben, einen Ort wie die Bildfläche schaffen und einen Beruf ausüben würde, der mich erfüllt. Damals war vieles von Angst, Unsicherheit und Verlust geprägt. Heute weiß ich, dass die Vergangenheit einen Menschen prägt, ihn aber nicht vollständig bestimmt. Es gibt immer wieder Momente, in denen man Entscheidungen treffen und seinem Leben eine neue Richtung geben kann. Genau das würde ich dem jungen Hubert mitgeben: Verliere die Hoffnung nicht. Vertraue darauf, dass noch vieles auf dich wartet. Und vor allem würde ich ihm sagen: Du bist deinen Erfahrungen nicht hilflos ausgeliefert. Vieles liegt tatsächlich in deiner eigenen Hand. Nicht alles – aber viel mehr, als du heute glaubst.

Wünschst du dir, dass Menschen, die dir begegnen nicht nur den Fotografen, Künstler oder Galeristen sehen, sondern auch das Kind in dir?
Ja, ich wünsche mir, dass sie auch den dreizehnjährigen Hubert sehen – mit all seinen Sorgen, Ängsten, seiner Unsicherheit und seinem Unwissen darüber, wie das Leben einmal weitergehen würde. Vielleicht verstehen sie dann auch besser, warum ich heute so bin, wie ich bin. Warum mir Begegnungen so wichtig sind. Warum ich Menschen zusammenbringen möchte. Warum ich oft mit dem Herzen entscheide und warum Kunst für mich nie Selbstzweck ist. Ich bin nicht stolz auf das, was mir passiert ist. Aber ich bin dankbar dafür, was daraus geworden ist. Wenn Menschen in mir jemanden sehen, der trotz aller Brüche versucht hat, offen, neugierig und zugewandt zu bleiben, dann ist das für mich das schönste Kompliment. Am Ende wünsche ich mir, dass sie erkennen: Unsere Vergangenheit muss uns nicht klein machen. Sie kann auch eine Kraft sein, aus der etwas Gutes entsteht. Vielleicht bin ich selbst ein Beispiel dafür.

Was glaubst du – als Krisen-Experte – braucht unsere Gesellschaft, um in dieser Zeit voller Krisen nicht zu resignieren?
Bei dieser Frage muss ich oft an die Zeit des Corona-Lockdowns denken. Damals hatten wir das große Glück, ein kleines Häuschen gemietet zu haben. Wir hatten etwas Platz um uns herum – und vor allem diese ungewohnte Stille. Es gab plötzlich kein ständiges Hintergrundrauschen mehr. Ich konnte den Wind hören. Das klingt vielleicht banal, aber für mich war das ein ganz besonderes Erlebnis.
Damals dachte ich tatsächlich, dass nach Corona vieles anders werden würde. Ich hatte die Hoffnung, dass wir als Gesellschaft wieder stärker zum Kern der Dinge zurückfinden. Dass Begegnungen wichtiger werden als Termine, Zeit wichtiger als Tempo und gemeinsame Erlebnisse wichtiger als Besitz. Ich dachte, dass sich mehr Menschen trauen würden, ihre eigenen – nicht materiellen – Träume zu verwirklichen, Neues auszuprobieren und ihr Leben bewusster zu gestalten. Heute habe ich manchmal den Eindruck, dass wir diese Chance weitgehend ungenutzt gelassen haben. Der Drang nach immer mehr, nach materiellem Besitz und ständigem Wachstum scheint eher noch größer geworden zu sein. Dabei glaube ich, dass genau dieser permanente Vergleich und dieses Immermehr-Haben-Wollen viele Menschen krank machen. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die wieder erkennt, worauf es wirklich ankommt: auf Zeit füreinander, auf Kreativität, auf Mitgefühl, auf Gemeinschaft und auf den Mut, den eigenen Weg zu gehen. Denn am Ende können wir nichts mitnehmen. Das letzte Hemd hat keine Taschen. Und vielleicht sollten wir unser Leben genau deshalb nicht danach ausrichten, was wir besitzen, sondern danach, was wir erleben und was wir anderen Menschen mitgeben können.


Noch eine schöne Nachricht zum Schluss: Eine neue Ausstellung unter dem Titel „Fade out“ steht an. Was erwartet die Besucher vom 3. bis 27. September in der Galerie im Theater in Ingolstadt?
Mit „Fade Out“ möchte ich Erinnerungsräume öffnen. Die Ausstellung zeigt Fotografien von Orten in Ingolstadt, die meine Kindheit und Jugend geprägt haben – Orte wie das Stadttheater, das Eisstadion oder das alte Hallenbad. Viele von ihnen entstanden erst um die Zeit meiner Geburt oder in den Jahren danach. Als Kind oder Jugendlicher hätte ich nie gedacht, dass sie eines Tages verschwinden oder sich so grundlegend verändern könnten. Mich fasziniert dieser Gedanke, dass selbst Gebäude, die uns für immer selbstverständlich erscheinen, vergänglich sind. Sie verschwinden, werden umgebaut oder erhalten eine völlig neue Bedeutung. Mit ihnen verschwinden oft auch die Geschichten und Erinnerungen, die wir mit ihnen verbinden. „Fade Out“ ist deshalb mehr als eine fotografische Dokumentation. Die Ausstellung lädt dazu ein, sich an die eigenen Orte zu erinnern. An Plätze, an denen man als Kind gespielt, geliebt, geträumt oder Abschied genommen hat. Ich wünsche mir, dass die Besucherinnen und Besucher nicht nur meine Fotografien betrachten, sondern auch ihre eigenen Erinnerungen wiederentdecken. Denn letztlich erzählt die Ausstellung nicht nur vom Verschwinden von Gebäuden. Sie erzählt von der Vergänglichkeit unseres Lebens – und davon, wie sehr Orte Teil unserer eigenen Geschichte werden können. Vielleicht verlassen die Besucher die Ausstellung mit einem neuen Blick auf ihre Stadt. Und mit dem Wunsch, bewusster wahrzunehmen, was heute noch da ist, bevor auch daraus irgendwann ein „Fade Out“ wird.

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